Arbeit ist mehr als nur Geld verdienen

Der Caritasverband für Stuttgart kämpft um die Hilfen für langzeitarbeitslose Menschen.

Von Sabine Reichle. Dieser Artikel erschien erstmals in der Caritas vor Ort, Ausgabe 01/2014, Seiten 6-7.

© Caritasverband StuttgartSeit 2011 werden die Mittel für langzeitarbeitslose Menschen massiv gekürzt. Damit fällt eine wichtige Hilfe für die Menschen weg, die ohne Ausbildung sind, lange schon ohne Arbeit, psychisch krank oder Drogenprobleme haben. Sie gehören zu denen, die auch bei einer guten Lage auf dem Arbeitsmarkt keine oder wenig Chancen haben. Dabei wollen die meisten von ihnen aber arbeiten, weiß der Leiter des Bereichs Arbeit Edgar Heimerdinger. Denn Arbeit ist mehr als Geld verdienen: 90 bis 95 Prozent der Beschäftigten sagen, die Arbeitsmaßnahmen des Caritasverbandes für Stuttgart e.V. seien „äußerst wichtig für sie“. Durch sie bekommt ihr Tag eine Struktur und ihr Leben Sinn.

© Caritasverband StuttgartDie Beschäftigten arbeiten für einen bis 1,50 Euro in der Stunde. Nicht viel Geld, aber bei den meisten ist die „Arbeitsmotivation extrem hoch“, sagt Edgar Heimerdinger. Für ihn sind diese sogenannten Ein-Euro-Jobs im Rahmen unseres Arbeitsmarktes und der aktuellen Arbeitsmarktpolitik oft noch das letzte „probate Mittel“, ihnen Teilhabe am öffentlichen Leben zu ermöglichen. Eine sinnvolle staatliche Förderung also, die am Ende der ganzen Gesellschaft zu Gute kommt.

Die Politik aber sieht das anders: Die letzte Bundesregierung hat insgesamt drei Milliarden Euro für die Förderung von Langzeitarbeitslosen gestrichen. Auf den Caritasverband Stuttgart bezogen bedeutet das: Von 450 Plätzen in Arbeitsgelegenheiten im Jahr 2010 waren es 2013 nur noch 217. Die Streichung der Fördermittel ging einher mit einer Instrumentenreform, die mit bürokratischen Mitteln dafür sorgt, dass immer mehr Ein-Euro-Jobs gestrichen werden.

© Caritasverband StuttgartDie Jobs unterliegen strengen Kriterien: Sie müssen „zusätzlich“ sein, von öffentlichem Interesse, den Wettbewerb nicht verzerren und das, was bisher die Ein-Euro-Jobs ausgezeichnet hat, ist weggefallen: Die Betreuung und die Qualifizierung der Menschen. Damit sind sie „dem Sinn beraubt“, sagt Edgar Heimerdinger. Denn neben dem Zuverdienst waren es vor allem die Qualifizierung und die begleitende Betreuung, die den Menschen langfristig neue Perspektiven eröffnet haben.

Für ihn ist diese Politik nicht nachvollziehbar. Auch nicht vor dem Hintergrund der von der Bundesregierung unterzeichneten UN-Konvention zur Inklusion. Menschen mit Behinderung haben ein Recht auf Beschäftigung, Langzeitarbeitslosen aber verweigert man nicht nur dieses Recht, sondern man nimmt ihnen zusehends auch die wenigen Möglichkeiten, überhaupt etwas zu tun.

© Caritasverband StuttgartEine Politik, die nicht nur für die Betroffenen eine Katastrophe ist: Volkswirtschaftlich betrachtet fallen die eingesparten Kosten an anderen Stellen wieder an. Denn Arbeitslosigkeit kann krank machen: Psychische Erkrankungen nehmen ebenso zu wie körperliche. Menschen, die psychische Erkrankungen haben, können z.B. in einem „Zuverdienstprojekt“ einer sinnvollen Tätigkeit nachgehen. Fällt diese weg, sind viele von ihnen auf die Hilfe in einer Klinik angewiesen.

© Caritasverband StuttgartEdgar Heimerdinger fordert für den Caritasverband für Stuttgart deshalb auch klare Signale von der Politik: Der Gemeinderat müsse zusammen mit den betroffenen Wohlfahrtsverbänden eine Bestandsanalyse machen, in welcher aufgezeigt wird, wie die Situation der Langzeitarbeitslosen in der Stadt ist, wer in besonderem Maße davon betroffen ist und welche Art der Förderung gebraucht wird. Wo der Bund sich aus der Verantwortung zurückzieht, müssen die Kommunen aktiv werden, denn der Stuttgarter Gemeinderat hat annähernd einstimmig die Entscheidung für ein Jobcenter in kommunaler Verantwortung getroffen.

© Caritasverband StuttgartIn Stuttgart gibt es gute Beispiele für erfolgreiche Kooperationen: „Ausbildungschance“ ist ein gemeinsames Projekt der Landeshauptstadt, des Jobcenters und des Caritasverbandes für Stuttgart, in dem ergänzend zu den 40 vom Bund finanzierten Plätzen 20 zusätzliche Ausbildungsplätze pro Jahr für Jugendliche durch die Stadt Stuttgart zur Verfügung gestellt werden. Das Projekt „Zuverdienst“, finanziert über den Sozialetat der Landeshauptstadt, hilft Menschen mit psychischen Behinderungen, einer stundenweisen Tätigkeit nachzugehen.

Gefordert sind nun alle Akteure: Die sozialen Träger, die kommunale Politik, Wirtschaft, IHK und die Handwerkskammer. Gemeinsam müssen sie eine Bestandsaufnahme machen, sinnvolle Projekte vorschlagen und für deren Finanzierung sorgen. Edgar Heimerdinger warnt vor dem „politischen Kalkül“, sich zunehmend auf die Leidensfähigkeit der Betroffenen und die Kreativität der Träger verlässt. Der Caritasverband für Stuttgart werde auch in Zukunft seine „anwaltlichen Pflichten“ für Menschen in Not übernehmen, muss darin aber mehr als bisher von der Politik unterstützt werden. Arbeitslosigkeit kann jeden Menschen treffen. Die Folge ist immer ein Leben mit wirtschaftlichen Nöten, Prestigeverlust, Selbstzweifeln, erzwungener Untätigkeit und Perspektivlosigkeit. Eine solidarische Gesellschaft muss allen die Chance für eine sinnvolle Tätigkeit geben. Denn: „Ohne Arbeit geht nichts“.

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