Ein ganz normales Mietshaus in Stuttgart

Ambulant betreutes Wohnen in der Schönbühlstraße: In Stuttgart-Ost haben 24 Menschen ein neues Zuhause gefunden. Hier wohnen Menschen mit Behinderung und Menschen ohne Behinderung zusammen. Für viele war der Umzug eine große Herausforderung. Aber eine, die sich gelohnt hat.

Von Sabine Reichle. Dieser Artikel erschien erstmals in der Caritas vor Ort, Ausgabe 02/2014, Seiten 6-7.

Marion Kleinschrodt erinnert sich ganz genau an den Tag ihres Einzuges in die Schönbühlstraße 94: Das war der 28. Februar 2013 und seitdem lebt sie hier in einer WG mit drei weiteren MitbewohnerInnen. Im Haus wohnen natürlich auch noch andere MieterInnen: Menschen mit und ohne Behinderung. Man trifft sich im Treppenhaus, beim Einkaufen und manchmal trinken sie gemeinsam Kaffee oder feiern ein Fest. Ein ganz normales Mietshaus also.

In der Schönbühlstraße in Stuttgart-Ost kann man erleben, was so sperrige Begriffe wie Integration oder Inklusion im Alltag bedeuten. Unter den Menschen, die jetzt hier eingezogen sind, haben viele etliche Jahre in größeren Heimen gelebt. Einkaufen, putzen, sich mit den MitbewohnerInnen über Alltagsdinge verständigen war dort weniger als heute gefordert. So war der Umzug nicht nur der Wechsel in ein neues Zimmer, es ist ein Umzug in eine größere Welt.

Marion Kleinschrodt findet diese Welt aber „super“. Sie hat sich ziemlich schnell hier eingelebt, ist im Haus und auch im Stadtviertel angekommen: „Gestern war ich zum Frühstück im roten Haus am Ostendplatz“, berichtet sie. Und am Wochenende haben sie zusammen gekocht. Allerdings musste sie sich da ein bisschen über einen Mitbewohner ärgern, der ihrer Meinung nach nicht genug bei der Vorbereitung geholfen hat. Ganz normales WG-Leben also.

S.6-7_Haus Ursula_0014Gabriele Philipp sitzt mit am Tisch. Sie ist die Verantwortliche im Haus und seit 2005 zuständig für den Wohnverbund Wangen-Ost des Caritasverbandes für Stuttgart e.V. Mit dem 2013 eröffneten Haus Ursula in der Schönbühlstraße will der Verband Menschen mit höherem Hilfsbedarf ein „ambulantes Setting“ bieten. Gabriele Philipp, die lange auch in stationären Einrichtungen gearbeitet hat, beschäftigt sich schon seit geraumer Zeit damit, „Menschen die Möglichkeit zu geben, so selbstbestimmt wie möglich zu leben“.

Und das erste Jahr in der Schönbühlstraße bestätigt sie darin, dass es viel öfter geht, als man denkt. Mancher, der einzog und behauptet hatte „Ich kann nicht einkaufen“, hat das Einkaufen und vieles andere ziemlich schnell gelernt. Immer mit der Sicherheit, dass ein/e MitarbeiterIn im Hintergrund da ist, die/der die Menschen begleitet und unterstützt. Der Erfolg, der Gewinn an Selbstständigkeit macht die BewohnerInnen „super stolz“. Es sind viele, kleine Schritte in ein neues Leben für Menschen, die zum Teil Jahrzehnte in stationären Einrichtungen gelebt haben.

In die Schönbühlstraße sind Männer und Frauen eingezogen, die ein gewisses Maß an haushaltspraktischen Fähigkeiten haben, kommunizieren können und einigermaßen orientiert sind. Was sie aber vor allem in ihrem Umzugsgepäck mitbringen mussten, ist die Fähigkeit zu lernen. Gabriele Philipp ist überrascht darüber, „wie viel gleich funktioniert hat.“ Und auch darüber, wie NachbarInnen oder VerkäuferInnen auf die neuen MitbewohnerInnen im Viertel, die neuen KundInnen an der Supermarktkasse reagiert haben. „Wir sind überall auf sehr entgegenkommende Menschen gestoßen“, sagt Gabriele Philipp.

Natürlich lief nicht alles rund, das tut es bei keinem Umzug. Die BewohnerInnen mussten das soziale Zusammenleben erst lernen und sich aneinander gewöhnen. „Da gab’s viel zu tun“, erinnert sich Gabriele Philipp an die ersten Monate des Einlebens im Haus. Mittlerweile klappt das ganz gut. Daneben suchen sich die BewohnerInnen ihren Platz in der Stadt, die sie umgibt. „Wir sind noch lange nicht am Ende“, weiß Gabriele Philipp. Jeden Tag müssen sich die BewohnerInnen wieder eine Welt erobern, Barrieren müssen abgebaut, neue Begegnungen ermöglicht werden.

S.6-7_Haus Ursula_0023Marion Kleinschrodt genießt ihr Leben hier. Kürzlich war sie mit ihrer Mitbewohnerin Derya in einer Filmvorführung im Haus der Katholischen Kirche. Wie sie denn da hingekommen sind? Derya legt los und rattert die Haltestellen und U-Bahn-Linien herunter. Und dann erzählen die beiden mit leuchtenden Augen und untermalt von viel Gelächter von dem Film, den sie gesehen haben: „Ziemlich beste Freunde, der war so toll.“

Leben im Haus Ursula

Im Haus Ursula in der Schönbühlstraße 94 und 96 können Frauen und Männer mit einer geistigen Behinderung und einem geringen bis mittleren Unterstützungsbedarf ebenso wohnen wie Menschen ohne Behinderung. Dieses Wohnkonzept soll das gegenseitige Verständnis und die Inklusion fördern. Einzelpersonen und Paare finden entweder in Einzelappartements, Zwei-Zimmer-Wohnungen oder Wohngemeinschaften den für sie passenden Wohnraum. Das Haus Schönbühlstraße 94 bietet für zwölf Personen Einzel-Appartements und Zwei-Zimmerwohnungen..Alle Wohnungen verfügen über eine Einbauküche, Telefonanschluss und einen eigenen Sanitärbereich. Im Nachbargebäude, Schönbühlstraße 96, können auf drei Stockwerken zwölf Personen in Wohngemeinschaften zu jeweils vier Personen wohnen. Hier wird durch Wohntraining Unterstützung für Menschen mit erhöhtem Assistenzbedarf angeboten. Die BewohnerInnen werden unter anderem von einer sogenannten Gemeinwesen-Arbeiterin unterstützt, die auch in den Stadtteil hinein wirkt.
Größtmögliche Unabhängigkeit in der Lebensführung und Selbstbestimmung sind Ziele des ambulant betreuten Wohnens, um so ein hohes Maß an Zufriedenheit bei den BewohnerInnen zu erreichen.

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