Konversion: Umbau in den Häusern und Köpfen

Das Haus Clemens von Galen verändert sich. Menschen mit Behinderung sollen die Möglichkeit haben, mehr am „ganz normalen leben teilzunehmen“. Die UN-Behindertenrechtskonvention, der sich auch Deutschland angeschlossen hat, fordert mehr Teilhabe und mehr Selbstbestimmung für alle Menschen. Das verändert auch die Wohnformen und im Caritasverband für Stuttgart e.V. wird deshalb kräftig umgebaut.

Von Sabine Reichle. Dieser Artikel erschien erstmals in der Caritas vor Ort, Ausgabe 02/2014, Seiten 4-5.

Gute Laune bei der Einweihung eines Stockwerks im April 2014 © Caritas Stuttgart

Gute Laune bei der Einweihung eines Stockwerks im April 2014 © Caritas Stuttgart

Im Haus Clemens von Galen riecht es nach Farbe, Handwerker gehen ein und aus, vor den Fenstern versperrt ein Baugerüst die Sicht. Zwischen den Stockwerken kann man wandern zwischen dem, wie es gestern hier aussah, und dem, wie die Etagen und Zimmer heute und morgen aussehen. Derzeit wird das Haus in der Gnesener Straße in Bad Cannstatt von Grund auf umgebaut und saniert. Nicht nur, weil die äußeren Rahmenbedingungen nicht mehr dem entsprachen, was das aktuelle Baurecht vorschreibt. Diese Baustelle steht für die Umwandlung von Wohnangeboten in der Behindertenhilfe des Caritasverbandes für Stuttgart. Über allem steht die Behindertenrechtskonvention der Vereinten Nationen, die die Rechte von Menschen mit Behinderungen neu definiert hat und die Deutschland im Jahr 2008 unterzeichnet hat.

Die Forderungen der Konvention bringen Jürgen Rost und Angelika Schweizer, Wohnverbundsleitungen im Bereich Behindertenhilfe des Caritasverbandes für Stuttgart e.V., so auf den Punkt: „Die Entscheidung liegt bei jedem Menschen selbst.“ Menschen, egal ob sie behindert sind oder nicht, sollen selbst bestimmen dürfen, wie und wo sie leben. Menschen mit Behinderung sollen so die Möglichkeit haben, am „ganz normalen“ Leben teilzunehmen. Auch das neue Wohn-,Teilhabe- und Pflegegesetz der baden-württembergischen Landesregierung (WTPG), das noch in diesem Jahr das alte Landesheimgesetz ablösen soll, geht in diese Richtung.

Der Blick auf Menschen mit Behinderung verändert sich: „Die Menschen, die bei uns wohnen, werden zu Kunden einer dienstleistenden Einrichtung“, sagt Jürgen Rost. Konversion in diesem Zusammenhang bedeutet also nicht nur, dass Häuser umgebaut und Leistungen verändert oder anders definiert werden. Die Veränderungen brauchen als Grundlage auch eine „Konversion in der Haltung“. Menschen mit Behinderung werden mehr als bisher auf ihrem individuellen Weg begleitet und bei ihren persönlichen Entscheidungen unterstützt. Der einzelne Mensch mit seinen Bedürfnissen rückt in den Mittelpunkt, darf im Rahmen seiner Möglichkeiten selbst bestimmen, was gut für ihn ist.

Deshalb wird in den Häusern und in den Köpfen umgebaut: Alle, die am Prozess beteiligt sind, müssen gemeinsam herausfinden, welche neuen Wege am sinnvollsten sind und wie die Orte aussehen müssen, damit die Veränderung gelebt werden kann. Aus großen Einrichtungen werden so beispielsweise viele kleine. Die neuen Einrichtungen sind wohnortnah und zentral gelegen. Wo es möglich ist, leben Menschen mit und ohne Behinderung zusammen.

Einweihung eines Stockwerks im April 2014

Einweihung eines Stockwerks im April 2014

Behinderte Menschen sollen und dürfen mehr lernen. Wo ihnen früher viel abgenommen wurde, sind sie heute dazu aufgerufen, ihre Dinge selbst in die Hand zu nehmen. Im Haus Clemens von Galen sieht man das ganz praktisch am Wäscheschrank. Der steht im Hauswirtschaftsraum und hat viele Fächer. In jedem Fach liegt die Wäsche eines Bewohners/ einer Bewohnerin. Sie wandert nun aber nicht wie früher sozusagen von alleine in den Schrank im Zimmer der BewohnerIn. Jede und jeder ist dazu aufgerufen, die Wäsche selbst aufzuräumen. Das klappt oft, aber natürlich nicht immer.

Der Umbauprozess hat nicht erst mit der UN-Konvention begonnen. Die „Ambulantisierung“ verändert die Betreuungslandschaft schon seit den 90er Jahren. Menschen mit Behinderung zogen in Außenwohngruppen oder leben selbstständig in Mehrfamilienhäusern. Daneben gibt es auch weiterhin die klassischen stationären Einrichtungen für Menschen, die schwerstbehindert sind oder ein herausforderndes Verhalten haben. Und es gibt zunehmend Einrichtungen – zu denen das Haus Clemens von Galen zählt –, die den Zwischenbereich abdecken. Sie bieten Menschen einen Lebensraum, die einen erhöhten Betreuungsbedarf haben aber auch die Fähigkeiten, viel selbstständig zu machen.

Im Haus Clemens von Galen leben derzeit 24 erwachsene Menschen mit einer geistig oder mehrfachen Behinderung in drei Wohngemeinschaften. Tagsüber gehen die BewohnerInnen in Werkstätten der Behindertenhilfe zum Arbeiten oder in einen Förder- und Betreuungsbereich. Früher lebten hier im Haus 75 Menschen. Einige von ihnen sind in andere ambulant betreute Wohnformen umgezogen, andere in stationäre Einrichtungen. Für die, die dageblieben sind, hat sich etliches verändert. Beispielsweise die Größe ihrer Zimmer: Große, helle und moderne Einzelzimmer lösen die kleinen Zimmer ab, in denen die BewohnerInnen bisher wohnten.

Wenn sich die äußeren Lebensbedingungen eines Menschen verändern, dann verändert sich mehr als nur die Größe eines Zimmers oder die Adresse. Auch für die BewohnerInnen ist der Umbau eine Herausforderung. „Manche fürchten sich vor den neuen Freiheiten“, wissen Jürgen Rost und Angelika Schweizer. Dass alle nun viel mehr miteinander reden müssen, ist eine Grunderfahrung. Eine Bewohnerin wollte zum Beispiel überhaupt nicht in ihr neues Zimmer ziehen. Erst nach Gesprächen mit Angehörigen war klar, was ihr am neuen Zimmer nicht gefällt: Der Ausblick, den sie von ihrem bisherigen Zimmer gewohnt war und den sie offenbar mochte, hatte sich verändert. Nachdem dieses kleine, aber für die Bewohnerin wichtige Detail wieder stimmte, war auch der Umzug für sie okay.

Wo früher die Organisation großer Einrichtungen das Leben der BewohnerInnen bestimmt hat, sind es heute die individuellen Bedürfnisse der Menschen, die hier wohnen. Und diese sind nicht immer gleich und können sich verändern. „Auch unser Leben ist nicht frei von Brüchen“, sagt Jürgen Rost und plädiert dafür, dass die Arbeit in der Behindertenhilfe durchlässiger wird. Menschen ziehen nicht nur aus stationären in ambulante Einrichtungen, der Weg kann ebenso umgekehrt gehen. „Es gibt alles, das ist das Leben“, ergänzt er. Auch Menschen ohne Behinderung brauchen in den verschiedenen Phasen ihres Lebens mal weniger dann auch wieder mehr Unterstützung. Jürgen Rost und Angelika Schweizer wünschen sich, dass der Veränderungsprozess das bekommt, was er dringend braucht und Dinge wachsen können: Zeit.

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