Weit weg ist näher, als du denkst

Theologische Betrachtungen zur Jahreskampagne des Deutschen Caritasverbandes 2014, erstmals erschienen im Jahresbericht 2013/14, Seiten 6-7.

S.7_Dr. Joachim Reber

Dr. Joachim Reber

von Dr. Joachim Reber, Mitarbeiterseelsorge und spirituelle Bildung

Diesmal ist sie ästhetisch leichter verdaulich, die Jahreskampagne des Deutschen Caritasverbandes. Gemalte Bilder sind es heuer, Comics, gezeichnet vom russischen Künstler Gordei. Hübsch sehen sie aus. Zumindest auf den ersten Blick. Das freilich, was auf den Bildern gezeigt wird, ist nicht mehr so hübsch. Jedenfalls die eine Seite des Bilds. Die Bilder haben alle zwei Seiten, durch eine Mauer getrennt. Und sie zeigen auch zwei Seiten, zwei Seiten einer einzigen Realität.

weit weg ist näher, als du denkstSie zeigen zum Beispiel eine junge Frau aus Osteuropa. Sie öffnet eine Tür, und hinter dieser Türe wartet schon eine alte Frau im Rollstuhl. Sie schaut freundlich, freut sich auf die Osteuropäerin. Es wird ihre Pflegerin sein, wie es mittlerweile viele gibt in unserem Land. Altenpflegerinnen oder Krankenschwestern, die mithelfen, bei uns den Pflegenotstand zu verringern. Und so weit ist es ein schönes Bild. Die alte Frau wird gepflegt, die junge Frau findet eine Anstellung, bei der sie wahrscheinlich mehr verdient als in ihrem Heimatland. Und vielleicht verstehen sie sich gut, die beiden, eine Beziehung wächst, sie werden einander vertraut.

Ein schönes Bild. Es hat aber eine zweite Seite, und die ist weniger schön, weniger heimelig. Man sieht ein kleines Kind, vier oder fünf dürfte es sein, mit einem Teddybär in der Hand. Es steht an der Haltestelle, drüben in Osteuropa. Man sieht noch die Tasche der jungen Frau, seiner Mutter, auf dem Weg nach Deutschland zu der alten Frau. Und man sieht auf einmal, was man hätte wissen können: dass jeder Aufbruch, jeder neue Anfang auch eine Abschiedsseite hat. Man sieht die Welt, die die junge Frau zurücklässt. Man sieht die Lücke, die sie zurücklässt in dieser anderen Welt. Es gibt einen Zusammenhang zwischen diesen beiden Welten – der als Pflegerin hier und der als Mutter dort. Es gibt einen Zusammenhang, auch wenn die Wand im Bild den Blick darauf verdeckt. Es gibt einen Zusammenhang zwischen den Welten, weil es menschliche Lebenswelten sind.

?????????????????????????????????????????„Weit weg ist näher als du denkst.“ Das ist der Slogan der Kampagne. Mein Leben, mein Handeln steht nie für sich allein. Es gibt immer einen Zusammenhang. Das, was ich tue und wie ich lebe, hat immer auch Auswirkungen auf andere. Es hat Auswirkungen, ob ich diese Auswirkungen sehe oder nicht, ob ich sie sehen will oder nicht.

Das Beispiel ist nur eines von vielen. Die billigen T-Shirts, die ich kaufe, haben eine zweite Seite: die Arbeitsbedingungen derer, die sie herstellen. Die Heizung, die ich laufen lasse, die Energie, die ich dafür verbrauche – sie fehlt irgendwo anders auf der Welt. Das Handy, das ich wegwerfe, weil es ein neueres, schickeres gibt, anderswo wühlen Menschen im Müll, um meinen Elektroschrott zu verwerten.

„Weit weg ist näher, als du denkst.“ Was ist die Botschaft dieser Kampagne? Eine ethische zunächst. Es ist eine Anfrage an meine Haltung. Noch früher: eine Anfrage an meine Sicht. Die Wand im Bild – sie besteht ja in meinem Kopf. Wie genau will ich hinsehen? Wie weit reicht mein Blick? Sieht er auch die andere Seite der Medaille? Wie nahe lasse ich mir die Tatsache gehen, dass für meinen Gewinn ein anderer möglicherweise einen hohen Preis bezahlt? Es macht einen Unterschied, ob ich beide Seiten anscglobale_nachbarn342haue und nicht nur die eine, die bunte und schöne. Es macht einen Unterschied, weil ich dadurch Menschen wahrnehme mit ihrer Lebenswirklichkeit. Mit ihrer Lebenswirklichkeit, auf die mein Leben und mein Tun einen Einfluss hat. Es macht einen Unterschied, weil es mich zwingt, mein Verhalten neu und tiefer zu begründen. Weil es vielleicht dazu verhilft, mein Verhalten zu verändern. Hin zu mehr Gerechtigkeit. Wir alle können etwas ändern. Diesen Punkt gibt es bei allen Kampagnenbildern. Prüfen, wo und unter welchen Bedingungen das Produkt hergestellt wurde. Nachhaltige und fair produzierte Produkte erwerben. Zwei ethische Ratschläge, zwei von vielen.

Es gibt auch eine theologische Botschaft. Ihr Schlüsselwort ist „Solidarität“. Die „klassische“ Formulierung des christlichen Solidaritätsverständnis steht in der Enzyklika „Sollicitudo rei socialis“ aus dem Jahr 1987. Johannes Paul II. schreibt hier: „Vor allem die Tatsache der gegenseitigen Abhängigkeit wird als entscheidendes System von Beziehungen in der heutigen Welt mit seinen wirtschaftlichen, kulturellen, politischen und religiösen Faktoren verstanden und als moralische Kategorie angenommen. Wenn die gegenseitige Abhängigkeit in diesem Sinne anerkannt wird, ist die ihr entsprechende Antwort als moralisches und soziales Verhalten, als ‘Tugend’ also, die Solidarität. Diese ist nicht ein Gefühl vagen Mitleids oder oberflächlicher Rührung wegen der Leiden so vieler Menschen nah oder fern. Im Gegenteil, sie ist die feste und beständige Entschlossenheit, sich für das ‘Gemeinwohl’ einzusetzen, das heißt, für das Wohl aller und eines jeden, weil wir alle für alle verantwortlich sind.“ (SRS 38)

„Weil alle fweit wegür alle verantwortlich sind.“ Diese Überzeugung findet ihren ersten biblischen Ausdruck in einer Negativdarstellung: in der Geschichte vom Brudermord zwischen Kain und Abel (Gen 4, 1-16). Gott stellt Kain nach dem Mord eine Frage: „Wo ist dein Bruder?“ Kain antwortet mit einer Gegenfrage: „Bin ich denn der Hüter meines Bruders?“ Frage und Gegenfrage thematisieren nicht die Tat, sondern die Verantwortung. In der Formulierung „Bin ich denn der Hüter meines Bruders?“ steckt die tiefere Frage: „Muss ich denn wissen, wo er ist?“ Und Gottes – unausgesprochene – Antwort lautet: Ja, du musst wissen, wo er ist, weil dein Bruder deiner Achtung und deiner Zuwendung bedarf. Dein Bruder hat an dich einen Anspruch – und deshalb hast du für ihn eine Verantwortung.

Wo ist dein Bruder? Ich weiß es nicht, er ist weit weg. Bin ich denn sein Hüter? Ja, du bist sein Hüter. Du bist auch – im Rahmen deiner Möglichkeiten – für ihn verantwortlich. Auch wenn er weit weg ist. Weit weg ist näher, als du denkst. So nahe, wie du dir diesen Menschen, seine Welt, sein Schicksal nahe gehen lässt.

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