Frauenpension: Ein menschenwürdiges Zuhause

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Die Künstlerin Gaby B.: Selbstbewusste Frauen im Porträt

„Hier kann ich einfach da sein.“ Gaby B., Bewohnerin der Frauenpension im Cannstatter Veielbrunnenweg, beschreibt, was die Frauenpension ist: Ein niedrigschwelliges Wohnangebot, das sie in einer Notlage und ohne große Vorbedingungen annehmen können. Im Herbst feierte die Frauenpension des Stuttgarter Caritasverbandes ihr 20jähriges Bestehen.

Von Sabine Reichle. Dieser Artikel erschien erstmals in der Caritas vor Ort, Ausgabe 04/2014, Seite 4-5.

Als die Frauenpension 1994 eröffnet wurde, war sie eine neue „innovative Einrichtung“, erinnert sich Manfred Blocher, Bereichsleiter Armut, Wohnungsnot und Schulden beim Caritasverband für Stuttgart. Bis heute hat sich das Haus „bestens entwickelt“. Zwei Zeichen dafür: Das Haus im Veielbrunnenweg wird generalsaniert, und 2015 eröffnet die zweite Frauenpension des Caritasverbandes für 24 Frauen, ebenfalls in Bad Cannstatt.

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Maria Nestele eröffnet die Jubiläumsveranstaltung am 26. September im Stadtarchiv Stuttgart in Bad Cannstatt.

Frauen, die hier einziehen wollen, müssen als Vorraussetzung lediglich in der Lage sein, sich selber versorgen zu können. Sie halten sich an das Verbot körperlicher Gewalt, achten die Besuchszeiten und handeln nicht mit Drogen. Von einem Konsumverbot ist dabei nicht die Rede: „Wir sind kein cleanes und kein trockenes Haus“, sagt Maria Nestele, die Leiterin der Frauenpension. „Die Frauen werden erstmals in Ruhe gelassen“, beschreibt sie das Konzept. Und vielleicht führt genau dies dazu, dass von den Angeboten, die es in der Frauenpension gibt, viele Frauen Gebrauch machen. Es gibt unter anderem eine Suchtsprechstunde, Psychotherapie, Konflikttraining und die Kunstwerkstatt, die besonders beliebt ist.

S.4-5_20 Jahre Frauenpension 027Mitarbeiterinnen, Bewohnerinnen und Gäste feierten den Geburtstag im September im Stadtarchiv in Bad Cannstatt. Den Auftakt machte ein Kolloquium in Kooperation mit dem Stadtarchiv und dem Katholischen Bildungswerk zum Thema „(Un)sichtbar arm“. In den Räumen des Stadtteiltreffs Morlockstraße konnten die BesucherInnen Werke aus der Kunstwerkstatt sehen und im Foyer des Stadtarchivs die Ausstellung „Frauen im Schatten“ von Heinz Heiss und Kathrin Haasis.

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“Frauen im Schatten” – Ausstellung im Foyer des Stadtarchivs

Isabel Fezer, Bürgermeisterin für Soziales, Jugend und Gesundheit der Stadt Stuttgart, beschrieb in ihrem Grußwort die zwei Gesichter der Stadt: Für die einen ist sie ein attraktiver Wohnort, für die anderen ein „Moloch, der Menschen ausspuckt“. Auf welcher Seite der Stadt man lebt, kann sich dabei sehr schnell ändern. Isabel Fezers Anerkennung gilt daher dem Caritasverband für Stuttgart e.V., der mit seinem Angebot den Frauen ein „menschenwürdiges Zuhause bietet“. Und den Mitarbeiterinnen, die klar Partei für die Frauen ergreifen und bei allen Maßnahmen den „Menschen in den Mittelpunkt stellen“. Für die Sozialbürgermeisterin ist die Frauenpension „ein wichtiger Baustein in der sozialen Stadtgesellschaft und ein wichtiger Eckpfeiler im sozialen Gefüge der Stadt“.

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Manfred Blocher, Leiter unserer Bereiches “Armut, Wohnungsnot und Schulden” spricht während der Jubiläumsveranstaltung (ganz rechts).

Raphael Graf von Deym, Vorstand des Stuttgarter Caritasverbandes, sieht die Frauenpension im Mittelpunkt des differenzierten Angebotes für wohnungslose Frauen. „Die stetig steigende Zahl wohnungsloser Frauen zeigt, wie notwendig diese Angebote sind. In der letzten Umfrage der Liga der freien Wohlfahrtspflege lag der Anteil der Frauen im Hilfesystem bei über 23 %. Aufgrund unserer gesellschaftlichen Strukturen zählen Frauen leider noch viel zu oft zu den Verliererinnen des Systems“, so Herr von Deym.

Im Jahr 2013 lebten in Stuttgart 1.478 Frauen ohne festen Wohnsitz. Und es wird gerade für Frauen mit geringem oder gar keinem eigenen Einkommen immer schwerer, eine geeignete Wohnung zu finden. „Die Stadt verliert im Jahr bis zu 400 Sozialmietwohnungen“, weiß Bereichsleiter Manfred Blocher. Die zweite Frauenpension des Stuttgarter Caritasverbandes wird also dringend gebraucht.

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Auch Nora Fingscheidt und Simone Gaul (rechts), Regisseurinnen des Films “Das Haus neben den Gleisen” erhalten Blumensträuße während der Jubiläumsveranstaltung.

Höhepunkt der Geburtstagsfeier und mit das schönste Geschenk an die Frauenpension, ihre Bewohnerinnen und Mitarbeiterinnen war die Premiere des Films „Das Haus neben den Gleisen“. Ein Dreivierteljahr haben die beiden Filmemacherinnen Nora Fingscheidt und Simone Gaul in der Frauenpension gedreht. Den Dokumentarfilmerinnen gelang zusammen mit den Bewohnerinnen, die sich in den Interviews sehr offen äußern, ein eindrückliches Porträt der Frauenpension. Die Premierengäste lernten durch den Film Frauen kennen, deren Leben geprägt ist von Gewalt, sexuellem Missbrauch, Langzeitarbeitslosigkeit, Schulden, Sucht und Krankheit. Es sind aber auch Frauen, deren Lebensweg zeigt, dass alles aber auch anders, glücklicher hätte kommen können. In den Worten von Isabel Fezer: „Es kann fast jeden von uns erwischen.“

[…]

Info

Die Frauenpension steht allen Frauen offen, die wohnungslos oder von Wohnungslosigkeit betroffen sind. Suchtprobleme sind kein Hinderungsgrund für den Einzug. Frauen können solange bleiben, wie sie es wünschen. Die Frauen wohnen in möblierten Einzelzimmern. In drei Zimmern können Hunde mitgebracht werden. Die Mitarbeiterinnen der Frauenpension unterstützen bei der Suche nach alternativen Wohnangeboten. Sie sind ebenso Ansprechpartnerinnen für alle Fragen rund um die Alltagsbewältigung. Alle Angebote sind freiwillig. Zudem gibt es eine Kleiderkammer.

Hilfe für Frauen/ Frauenpension
Veielbrunnenweg 67, 70372 Stuttgart
Telefon: 0711 55037130
frauenpension@caritas-stuttgart.de

Kontaktzeiten: Montag bis Freitag 9 bis 17 Uhr

Unser Facebook-Fotoalbum: 20 Jahre Frauenpension: Filmpremiere „Das Haus neben den Gleisen”.

Lesen Sie mehr in unserer Caritas vor Ort 4/14Vom Licht im Schatten

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Ihre Ansprechpartnerin für kostenlose Bestellungen:
Christine Röder-Socci
Caritasverband für Stuttgart e.V.
Sozialmarketing
Strombergstraße 11
70188 Stuttgart
Telefon: 0711 2809-2780
Telefax: 0711 2809-2411
c.roeder-socci[at]caritas-stuttgart.de

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