Sehnsucht nach Familie

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Das Zusammenleben in einer Familie ist nicht immer einfach – für Kinder und für Eltern. Wenn Stress und Dauerstreit den Familienalltag dominieren, ist der Umzug in eine betreute Wohngruppe für Kinder und Jugendliche oft ein guter Ankerpunkt im Gefühlschaos.

Von Gisela Vey. Dieser Artikel erschien erstmals in der Caritas vor Ort, Ausgabe 01/2015, Seite 7-8.

Manchmal nehmen Familienkonflikte überhand, dann kann eine zeitweilige Trennung ein Lösungsweg sein. Das gilt nicht nur für Paare, sondern auch für Kinder und Eltern. Für Heranwachsende, die es bei den Eltern nicht mehr aushalten, bietet die Caritas-Wohngruppe „Südwind“ die Möglichkeit, wieder Orientierung und Sicherheit in ihr Leben zu bringen.

Beim Einzug bringen diese Kinder und Jugendlichen ein paar Klamotten, Schulsachen, ein bisschen Spielzeug und jede Menge widersprüchliche Gefühle mit. Andrea Kittmann, die Teamleiterin, sagt:

„Jede Trennung fällt schwer, auch wenn die Kinder und Jugendlichen den Schlussstrich selbst gezogen haben. Ihr sehnlichster Wunsch ist und bleibt die Rückkehr in die Ursprungfamilie. Es ist die Sehnsucht nach Geborgenheit und Rückhalt, der Wunsch, so geliebt zu werden, wie man ist.“

Für sechs Kinder und Jugendliche im Alter von sechs bis 18 Jahren ist die großzügige Wohnung im Stuttgarter Süden das neue Zuhause. Die Küche mit dem großen Esstisch und die Gemeinschaftsräume bieten genügend Platz für das Leben miteinander. Natürlich ist auch ein Rückzug ins eigene Zimmer möglich. Denn wie in einer richtigen Familie leben auch hier Heranwachsende unterschiedlichen Alters mit verschiedenen Charakteren und Interessen zusammen. So gilt es täglich, Rücksicht auf die anderen zu nehmen, Kompromisse zu finden, Unzulänglichkeiten auszuhalten.

© Mr. Nico - photocase.de

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Der 18-jährige Moritz (Name geändert) fühlt sich durch die Kleineren der Wohngemeinschaft schon oft genervt, doch so ist Familienalltag nun einmal: „Das Zusammenraufen gehört dazu.“ Was ist sonst anders als im Zusammenleben mit der Mutter und dem älteren Bruder? „Es gibt mehr Regeln als zuhause.“ Dazu gibt es aber auch das, wonach sich die Kinder und Jugendlichen gesehnt haben: Menschen, die einfach da sind, die sich kümmern, die zuhören und bei Problemen weiter helfen können. Andrea Kittmann ergänzt:

„Wichtig ist ein fester Tagesablauf, um sich geborgen fühlen zu können. Die Kinder und Jugendlichen gehen weiterhin in ihrem bekannten Umfeld in die Schule, treffen ihre Freunde, gehen ihren Hobbys nach. Neu ist, dass sie in uns verlässliche Ansprechpartner haben, die auch mal Grenzen setzen, konsequent bleiben und Konflikte aushalten.“

So sind die abendliche warme Mahlzeit und der Austausch mit den MitbewohnerInnen zuverlässige Eckpunkte im Alltag. Wer mit dem Einkaufen, Kochen oder Putzen an der Reihe ist, das regeln die Pläne, die gut sichtbar an der Küchenwand hängen. Das Lernziel heißt: Verantwortung übernehmen, auch ohne Maulen die manchmal lästigen Pflichten erledigen, sich mit anderen abstimmen, Kritik aushalten.

„Moritz hat in den vier WG-Jahren vorzüglich kochen gelernt“, sagt Frau Kittmann. Nach Jahren als Schulverweigerer mit massiven Schulängsten wird er im Sommer den Realschulabschluss machen. Eine Ausbildung als Kfz-Mechatroniker oder im kaufmännischen Bereich ist sein Traum. Und natürlich das Zurückziehen zur Mutter. Wie kann das gut gehen? „Ich hab mich verändert und einiges von meinen Problemen begriffen.“

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Mit Hilfe der pädagogischen Fachkräfte, die in Wechselschichten mit in der Wohngemeinschaft leben, lernen die Kinder und Jugendlichen Formen des Zusammenlebens kennen, in denen Respekt, Zuwendung und Vertrauen wichtig sind. „Wir legen Grundsteine für ihr weiteres Leben“, sagt Andrea Kittmann.

„In Krisensituationen und bei Problemen wissen sie nun, dass sie sich Hilfe holen können. Ihren Weg müssen sie alleine finden, doch mit guten sozialen Erfahrungen aus der WG und dem Gefühl, geliebt worden zu sein, geht das leichter.”

Und so sorgen fünf Caritas-Mitarbeitende dafür, dass der Aufenthalt in der WG für die jungen BewohnerInnen mehr ist als flüchtige Episode ihres Lebens. Auf dem Weg in die Eigenständigkeit spielt auch die kontinuierliche Kontaktpflege zu den Eltern eine große Rolle.

„In der Eingewöhnungsphase müssen die Kinder und Jugendlichen erst mal zur Ruhe kommen. Doch dann wird das Gespräch mit den Müttern und Vätern gesucht. Alle haben Enttäuschungen und Verluste erlebt, und alle Beteiligten benötigen Hilfe.“

Dass Familien mit ihren Problemen nicht allein gelassen werden, ist gut und richtig. Eine Form der Unterstützung sind die Hilfen zur Erziehung (HzE). Schon lange hat HzE nicht mehr das Image, eine Nothilfe für sozial schwache Problemfamilien zu sein, sondern ist in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Materielle Sicherheit und ökonomisch sorgloses Aufwachsen bedeuten nicht zwangsläufig, dass auch genug Liebe, Rückhalt und Schutz in der Familie vorhanden sind.

Die Angebote und Maßnahmen im Bereich Jugend- und Familiehilfe des Stuttgarter Caritasverbands zielen darauf ab, dass Familien nach einer Phase der Unterstützung ihr Leben wieder in die eigenen Hände nehmen. Alles, was zur Entlastung von Familien beiträgt, lässt Kinder und Jugendliche gestärkt ins Leben gehen. Und manchmal kann das bedeuten, dass man für eine Zeit lang getrennte Wege geht.

Bereich Jugend- und Familiehilfe
Fangelsbachstr. 19A, 70180 Stuttgart
Tel: 0711 601703-0

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