Hilfen für die Schwächsten: Stadt muss Verantwortung übernehmen

Von der guten Lage auf dem Arbeitsmarkt profitieren viele, aber nicht alle. In den letzten Jahren sind die staatlichen Hilfen für langzeitarbeitslose Menschen dramatisch zurückgegangen. Der Caritasverband für Stuttgart e.V. fordert nun, zusammen mit vier anderen Sozialunternehmen, mehr kommunale Verantwortung für langzeitarbeitslose Stuttgarter BürgerInnen.

Von Sabine Reichle. Dieser Artikel erschien erstmals in der Caritas vor Ort, Ausgabe 02/2015, Seite 4-7, sowie im Jahresbericht 2014/15, Seite 17-18.

S.7 neuEs ist eine Frage der Blickrichtung: Schaut man auf den Arbeitsmarkt zu den leistungsfähigen, jungen, gut ausgebildeten und gesunden Männern und Frauen, dann sieht man eine Arbeitslosenquote, die für Stuttgart im Jahresdurchschnitt für 2014 leicht auf 5,7 Prozent gesunken ist. Weitet man den Blick hin zu den Menschen, die von Langzeitarbeitslosigkeit betroffen sind, dann muss man feststellen: Vom guten Klima auf dem Arbeitsmarkt profitieren sie nicht. Ganz im Gegenteil: Ihre Situation verschlechtert sich trotz guter Konjunktur und ihre Zahl steigt. Gehörten im Jahr 2008 in Stuttgart 1.039 Menschen zur Zahl der Arbeitslosengeld II-BezieherInnen, so sind es aktuell 12.412 Menschen.

Doch anstatt Maßnahmen zu ergreifen, die dieser Entwicklung entgegen steuern, ist die Zahl der öffentlich geförderten Jobangebote zurückgegangen. Der Caritasverband für Stuttgart hat deshalb zusammen mit den Arbeitshilfeträgern Neue Arbeit, der Gesellschaft für Jugendsozialarbeit und Bildungsförderung (GJB), der Gesellschaft für Schulung und berufliche Reintegration (SBR) und dem Frauenunternehmen Zora mehr Hilfen für Langzeitarbeitslose gefordert. Im März 2015 ging der Lagebericht: „Kommunale Verantwortung für langzeitarbeitslose Stuttgarter Bürgerinnen und Bürger“ an die Stadträte des Stuttgarter Gemeinderates. Der Bericht beinhaltet den Vorschlag, bei den Haushaltsberatungen im Herbst 2015 ein kommunales Beschäftigungsprogramm mit insgesamt 650 Plätzen für langzeitarbeitslose Menschen aufzulegen. Die Kosten werden auf drei bis vier Millionen Euro geschätzt.

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Unser Second Hand Kaufhaus FAIRKAUF beschäftigt Langzeitarbeitssuchende. Wie lange noch?

Ohne solche Beschäftigungsprogramme haben viele der Menschen, die in der Statistik als langzeitarbeitslos geführt werden, kurz- und mittelfristig keine Chance, einen Job zu finden. Denn die Anforderungen, die der moderne Arbeitsmarkt stellt, sind für die meisten dieser Menschen zu hoch. Die aktuelle Arbeitsmarktpolitik hilft vor allem den Arbeitssuchenden, die fit und flexibel sind. Sie übersieht aber jene, die eine besondere Unterstützung brauchen. Dazu gehören psychisch Kranke, chronisch Suchtkranke, Flüchtlinge, Wohnungslose und benachteiligte Frauen.

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Unsere Second Hand Boutique PragA beschäftigt Langzeitarbeitssuchende. Wie lange noch?

Investitionen in Arbeitsförderung bedeuten für die Beschäftigten nicht nur Teilhabe am gesellschaftlichen Leben, sondern auch Prävention gegen Altersarmut, Überschuldung und Rückfall in die Sucht. Sie fördern die soziale Integration und das friedliche Zusammenleben. Diese Unterstützung kommt langfristig der ganzen Gesellschaft zugute. Und das auch im ganz praktischen Sinne: So sichern etwa die CAP-Märkte und Bonus-Märkte, in denen Menschen mit Behinderung Arbeit finden, die wohnortnahe Versorgung. Und auch die Tafelläden, bei denen sich rund 10.000 von Armut betroffene Menschen mit preisgünstigen Lebensmitteln versorgen, würden ohne Beschäftigungsmaßnahmen nicht funktionieren.

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Mitarbeitende in unserem Second Hand Kaufhaus FAIRKAUF

Seit die städtische Arbeitshilfe im Jahr 2005 in das Hartz-IV-System eingegliedert wurde, muss das Jobcenter die Integrationsangebote immer stärker darauf ausrichten, Menschen für den ersten Arbeitsmarkt fit zu machen. Das Eingliederungsbudget des Jobcenters, das im Jahr 2010 noch bei 32,4 Mio. Euro lag, ging im Jahr 2014 auf 19,9 Mio. Euro zurück. Von 1.700 Plätzen für Arbeitsgelegenheiten, den sogenannten Ein-Euro-Jobs, sind im Jahr 2014 gerade mal 545 übrig, und das Projekt Bürgerarbeit ist 2014 ausgelaufen.

Das Projekt PiA (Produktiv in Arbeit) hält zwar 300 Stellen vor, die aber von vielen Betroffenen nicht angenommen werden. Ein Hindernis ist der hohe Qualifizierungsanteil. Und zudem gibt es über den Hartz-IV-Satz hinaus keine Mehraufwandsentschädigung, wie sie noch bei den Ein-Euro-Jobs galt.

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Mitarbeitende in unserer Second Hand Boutique PragA

In Stuttgart gibt es viele erfolgreiche Projekte für langzeitarbeitslose und benachteiligte Menschen, die von unterschiedlichen sozialen Trägern durchgeführt werden. Jedoch hat der Bund diese Arbeitsgelegenheiten in den letzten Jahren massiv gekürzt. Ihre finanzielle Situation ist prekär, viele sind von Schließung bedroht. Für die Beschäftigten bedeutet dies, dann keinen strukturierenden Tagesablauf mehr zu haben, weniger soziale Kontakte, das Fehlen von Anerkennung und einer sinnvollen Aufgabe.

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Mitarbeitende in unserem Stromspar-Check

Für die Beschäftigungsmaßnahmen der Stuttgarter Caritas haben alle diese politischen Entscheidungen gravierende Folgen. Der Lederschmiede beispielsweise, einer Maßnahme innerhalb des Programms „Arbeit statt Drogen“, droht zum Jahresende das Aus (siehe auch hier). Ähnlich kann es dem überaus erfolgreichen Projekt Stromspar-Check ergehen, das sozial schwache Haushalte bei Energiesparmaßnahmen berät. In Gefahr sind auch die Arbeitsplätze für Langzeitarbeitslose im Secondhand-Kaufhaus Fairkauf und in der Secondhand-Boutique PragA.

Ohne kommunale Förderung sind Beschäftigungsmöglichkeiten für Menschen mit starken Einschränkungen nicht mehr zu finanzieren. Mit ihrem Lagebericht haben sich die Sozialunternehmen im April direkt an die Verantwortlichen der Stadt Stuttgart gewandt. Das Jahr 2015 könnte der Einstieg in eine Beschäftigungspolitik sein, die langfristig alle BürgerInnen am Leben in Stuttgart teilhaben lässt.


 

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Norbert Elmengau

Norbert Ebernau ist 58 Jahre alt, lebt allein, ist Vater einer Tochter und Großvater dreier Enkelkinder. Er ist Groß- und Einzelhandelskaufmann, hat auf dem zweiten Bildungsweg das Fachabitur in Wirtschaft und Verwaltung gemacht, sein BWL-Studium an einer Wirtschafts-FH aber aufgrund der Vaterschaft abgebrochen. Nach Jahren der Arbeitslosigkeit arbeitet er seit Juni 2013 in unterschiedlich geförderten Maßnahmen im Secondhand-Kaufhaus Fairkauf, derzeit in Vollzeit.

Nach 16 Jahren in einem guten Job in der technischen Verwaltung wurde der Standort geschlossen und ich war arbeitslos. Mit Anfang 50 kriegt man trotz intensiver Suche keinen Job mehr. Nach dem Freitod meiner Freundin bin ich in ein tiefes Loch aus Depressionen und Alkohol gefallen, aus dem ich vor zwei Jahren nur langsam herausgekommen bin. Der Ein-Euro-Job beim Fairkauf hat mir dabei geholfen, weil ich froh war, wieder unter Leuten zu sein. Meine Tagesstruktur hat sich verbessert, und meine körperliche Leistungsfähigkeit ist wieder hergestellt ist. Ich bin gesund, zufrieden und der Job macht überwiegend Spaß. Natürlich ist nicht jeder Tag gut, aber das gibt’s bei keiner Tätigkeit. Wenn zum Ende des Jahres die Maßnahme ausläuft, wird sie sehr wahrscheinlich nicht verlängert, das treibt mich um. Da ich jetzt in der Warenannahme arbeite, will ich mich in dieser Richtung bewerben. Ein neuer Job mit einem SAP gesteuertem Warenwirtschaftssystem schwebt mir. Aber meine Chancen werden nicht allzu groß sein. Ich bin zwar alt, aber nicht dumm und kann mich weiterentwickeln.


 

 

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Silke Krüger

Silke Krüger ist 29 Jahre alt, Single und arbeitet seit März 2014 in der Kreativwerkstatt präsent. Sie hat einen Master in Agrarwissenschaften, kann aber aufgrund gesundheitlicher Einschränkungen derzeit nicht in diesem Beruf arbeiten. Sie nimmt an der vom Jobcenter geforderten Maßnahme PiA (Produktiv in Arbeit) teil, die zu 50 % aus Qualifizierung und zu 50 % aus Arbeitsgelegenheit besteht.

„Ich habe schon immer gern Handarbeiten gemacht und lerne jetzt viel dazu. Mosaik Arbeiten sind neu für mich, und das Verkaufen auf Märkten oder in der Manufaktur macht riesigen Spaß. Ich habe viele Erfolgserlebnisse, und ich komme gern hier hin. Mit meinen 20 Wochenstunden bin ich gut ausgelastet, mehr würde meine Kapazitäten überschreiten. Vorher fehlten mir die Tagesstruktur und die Sozialkontakte, das Arbeiten bei präsent trägt zu meiner Stabilität bei. Sehr wichtig ist mir, dass ich mich selber finanzieren kann und eigenständig bin. Arbeitslosigkeit ist ein Makel, das merke ich derzeit bei meiner Wohnungssuche. Sobald Vermieter erfahren, dass ich von ALG II lebe, befürchten sie unregelmäßige Zahlungen und soziale Schwierigkeiten.“


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“Unser Hilfesystem ist im Laufe von 20 Jahren entstanden – jetzt steht es kurz vor dem Aus. Wir haben einen sehr guten bis glänzenden Arbeitsmarkt, von dem aber nicht alle profitieren. Wir erleben seit Jahren den Rückbau der Förderung Langzeitarbeitsloser.”

 

Edgar Heimerdinger, Bereichsleiter Arbeit

 

Lesen Sie mehr Mitarbeitendenportraits und -stimmen aus unserem Stromspar-Check, aus unserer Second Hand Boutique PragA und aus unserer Lederschmiede in unserer aktuellen Caritas vor Ort 2/15Keine Arbeit – Keine Zukunft.“

Kostenlose Bestellung
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Ihre Ansprechpartnerin für kostenlose Bestellungen:
Christine Röder-Socci
Caritasverband für Stuttgart e.V.
Sozialmarketing
Strombergstraße 11
70188 Stuttgart
Telefon: 0711 2809-2780
Telefax: 0711 2809-2411
c.roeder-socci[at]caritas-stuttgart.de

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