Droht der Lederschmiede nach 20 Jahren das Aus?

In den letzten Jahren wurden die Beschäftigungsmaßnahmen für benachteiligte und langzeitarbeitslose Menschen massiv gekürzt oder ganz gestrichen. Davon betroffen sind alle Qualifizierungsmaßnahmen des Stuttgarter Caritasverbandes, darunter auch die Lederschmiede.

Von Gisela Vey. Dieser Artikel erschien erstmals in der Caritas vor Ort, Ausgabe 02/2015, Seite 8-9.

S.8-9_Lederschmiede_1Das Programm der Lederschmiede heißt seit 1995 „Arbeit statt Drogen“ – doch wie lange noch? Angefangen hat die Werkstatt, in der aktuell trendige Taschen aus LKW-Plane, Recycling-Mesh-Plane und Filz gefertigt werden, mit 20 sozialversicherungspflichtigen Arbeitsplätzen. Menschen, die aufgrund ihrer Drogenkrankheit arbeitslos waren, konnten sich mit einem Stellenumfang zwischen 50 und 100 Prozent ihren Lebensunterhalt selbst verdienen. Hier fanden sie eine sinnvolle Beschäftigung und einen ganz normalen Arbeitsalltag mit KollegInnen, Vorgesetzten, Anleitung und festen Arbeitszeiten.

Der Tag hatte eine Struktur und das brachte Stabilisierung. Es gab gezielte Förderung und Qualifizierung und damit ging eine Verbesserung der Beschäftigungsfähigkeit einher. Außerdem wurde eine interne Suchtbegleitung angeboten, die Ausstiegshilfen und Perspektiven aufzeigen konnte. Denn diese Beschäftigungsmaßnahmen konnten bis zu drei Jahren dauern und so die Grundlage dafür sein, sich wieder Boden unter den Füßen zu erarbeiten. Das Lernen konnte kleine Umwege verkraften, und Rückschläge waren möglich.

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Caritaschen in unterschiedlichen Größen aus unserer Lederschmiede

Mit den Arbeitsmarktreformen der Agenda 2010 wurden aus diesen Arbeitsplätzen Ein-Euro-Jobs bzw. 1,50-Euro-Jobs. Das bedeutete für die Beschäftigten der Lederschmiede, dass sie vom Jobcenter Arbeitslosengeld II erhielten und sich etwas dazu verdienen konnten. Außerdem wurden die Fahrkartenkosten erstattet. Doch die Arbeitszeit war auf höchstens 30 Wochenstunden reduziert. Wer krank war, dessen Zuverdienst entfiel. 2013 wurden diese Arbeitsplätze vom Jobcenter stark reduziert, da sie als nicht wettbewerbsneutral gelten.

Stabilisierung der persönlichen Situation, die Verhinderung von weiterem sozialem Abstieg und suchtspezifische Förderung standen nicht mehr im Vordergrund, Aktivierung hieß das neue Zauberwort. Das Jobcenter vermittelte nun ebenso Menschen, die aus anderen Gründen langzeitarbeitslos waren, beispielsweise Flüchtlinge oder Menschen mit psychischen Beeinträchtigungen, in die Lederschmiede.

Mittlerweile heißen die Jobs „Produktiv in Arbeit“ (PiA). Bei dieser Maßnahme ist vorgeschrieben, das 50 Prozent der Beschäftigungszeit aus Qualifizierung besteht und 50 Prozent im Betrieb gearbeitet wird. Von den 25 Plätzen, die das Jobcenter der Lederschmiede finanzieren würde, sind nur sieben belegt. Zu hoch hängt die Anforderungslatte für Menschen mit sozialen Problemen, zu schwierig ist für sie die Teilhabe am Arbeitsleben. Zudem gibt es über den Hartz IV-Satz hinaus keine Mehraufwandsentschädigung, wie sie noch bei den Ein-Euro-Jobs galt.

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Taschen aus unserer Lederschmiede im Verkauf unserer Manufaktur im Haus der katholischen Kirche

Von den ursprünglich 20 TeilnehmerInnen aus „Arbeit statt Drogen“ sind nur noch einige wenige als Ehrenamtliche übrig geblieben, und das auch nur, weil der Stuttgarter Caritasverband ihnen aus eigener Tasche eine geringe Aufwandsentschädigung zahlt. Die soziale Begleitung musste gestrichen werden, da sie nicht mehr durch öffentliche Gelder gefördert wurde. Das setzt jedoch voraus, dass diese Beschäftigten ihr Leben im Griff haben und stabil sind.

Die Hälfte ihrer Kosten erwirtschaftet die Lederschmiede selbst. Wenn für die andere Hälfte in absehbarer Zukunft keine öffentliche Bezuschussung erfolgt, wird die Lederschmiede zum Jahresende schließen müssen. Dann wird es noch weniger Arbeitsgelegenheiten für die Schwächsten unter den Langzeitarbeitslosen geben. Ihre Zahl ist in den letzten Jahren gestiegen, die Zahl der öffentlich geförderten Jobangebote geht dagegen immer mehr zurück.

Kurz- und mittelfristig sind diese Menschen auf dem ersten Arbeitsmarkt nicht vermittelbar, doch die Rahmenbedingungen für ihre Teilhabe am Arbeitsleben verschlechtern sich ständig. An ihnen gehen der wirtschaftliche Aufschwung und die Konjunktur auf dem Arbeitsmarkt spurlos vorbei. Ob sie eine Chance auf Teilhabe bekommen oder die soziale Leiter weiter hinab steigen, ist eine politische Entscheidung.

Investiert Stuttgart hier in Beschäftigungsangebote, betreibt die Stadt gleichzeitig Prävention gegen die Verfestigung von Armut und Ausweglosigkeit. Sie fördert damit die soziale Integration und das friedliche Zusammenleben in der Stadt. Bleibt zu hoffen, dass die Gemeinderäte bei den im Herbst anstehenden Haushaltsplanungen für 2016/17 auch in Projekte investiert, die besonders benachteiligte Arbeitslose unterstützen.


 

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Anja Madsen, Mitarbeiterin in unserer Lederschmiede

Anja Madsen ist 47 Jahre alt, geschieden und Mutter eines 14-jährigen Sohnes. Als ehemalige Drogenabhängige, die seit längerer Zeit am Methadon-Programm teilnimmt, wurde sie vom Jobcenter in die Lederschmiede vermittelt. Seit Oktober 2014 arbeitet sie dort 12 Stunden pro Woche und erhält zu ihrem Hartz IV-Satz eine Aufwandsentschädigung von 60 Euro plus Fahrtkosten im Monat. Anja Madsen hat einen Hauptschulabschluss und danach viele unterschiedliche Jobs erledigt. Seit einer schweren Krankheit vor zwei Jahren ist sie körperlich nicht mehr in der Lage, die geplante Ausbildung zur Altenpflegehelferin zu beginnen:

„Hier in der Lederschmiede hat man trotz meiner holprigen Biografie und meiner Drogensucht Vertrauen in mich. Hier fühl ich mich nützlich und werde als Allrounderin eingesetzt: beim Zuschneiden, Nähen, Kleben, im Verkauf und bei der Kassenabrechnung. Ich kann immer noch etwas leisten und werde gebraucht. Muttersein allein reicht nicht und mit einer regelmäßigen Arbeit ich kann ein Vorbild für meinen Sohn sein. Wenn ich nur auf der Couch rumliegen würde, könnte ich ihm nichts über Verantwortung übernehmen, pünktlich sein oder Durchhalten in schwierigen Situationen erzählen. So kann er stolz auf mich sein, dass ich nicht aufgebe. Und wir haben einen geregelten Tagesablauf. Ich gehe regelmäßig zur Suchtberatung, das hält mich stabil. Obwohl es mir in der Lederschmiede sehr gut gefällt, möchte ich beruflich noch etwas anderes machen, z.B. eine Ausbildung oder eine Qualifizierung. Ich will zeigen, was in mir steckt.“


 

Die Lederschmiede
Heusteigstraße 69, 70180 Stuttgart
Tel.: 0711 – 602707, Öffnungszeiten: Dienstag bis Freitag: 10 – 16 Uhr

Öffnungszeiten der caritas manufaktur im Haus der Katholischen Kirche, Königsstraße 7: Montag bis Samstag: 10 18 Uhr

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