Zukunft gestalten – sozialen Ausgleich schaffen

Caritasdirektor Ulrich Ahlert beendet im Sommer 2015 seinen aktiven Dienst im Caritasverband für Stuttgart. Im Gespräch mit unserem Pressesprecher Friedemann Müns-Österle blickt er auf 15 Jahre Caritasarbeit in der Landeshauptstadt zurück.

Erstmals erschienen im Jahresbericht 2014/15, Seiten 8-11.

Ulrich Ahlert

Ulrich Ahlert

Herr Ahlert, seit dem Jahr 2000 sind Sie Vorstand des Caritasverbandes für Stuttgart. In diesem Sommer gehen Sie in den Ruhestand. Wenn Sie auf die vergangenen fünfzehn Jahre zurückblicken, welchen Stellenwert hatten soziale Themen in Stuttgart vor fünfzehn Jahren, welchen haben sie heute?

Ulrich Ahlert: Wenn ich zurückschaue dann würde ich sagen, dass Stuttgart über die vielen Jahre hinweg eine soziale Stadt geblieben ist, die sich um eine gute soziale Grundversorgung der Menschen und um ein hohes Maß an Integration bemüht. Wo die Verantwortlichen auch bereit sind, sich verschärfende soziale Konflikte und Problemlagen anzupacken. Natürlich gab es Unterschiede in der Gewichtung, auch bedingt durch politische Mehrheiten, aber ich glaube, diese Grundhaltung einer liberal und offen geführten Großstadt ist geblieben. Eine Grundhaltung, die aus meiner Sicht am stärksten Oberbürgermeister Rommel, den ich persönlich noch erlebt habe, geprägt hat.

Anders geworden ist, dass die Entwicklungen der neunziger Jahre, die stark davon geprägt waren, den Ausbau der sozialen Grundversorgung auch qualitativ voranzutreiben, abgeflacht sind.
Nach meiner Wahrnehmung spielt eine übergreifende Sozial- und Jugendhilfeplanung heute weniger eine Rolle. Auch der Zusammenhalt der Stadtgesellschaft ist schwächer geworden. Ein wesentlicher Teil, der den Zusammenhalt gefährdet, ist die Situation in der Wohnungsversorgung, die in besonderer Weise Menschen am Rande benachteiligt, wenn nicht sogar aus der Stadt herausdrängt.

Es gibt ja böse Zungen, die behaupten dass es gerade gewollt ist, diese soziale Selektion über den Wohnungsmarkt zu regeln andere Städte wie Mannheim haben deutlich größere Probleme, weil noch günstigerer Wohnraum zur Verfügung steht. Ist das eine Unterstellung oder nehmen Sie solche Tendenzen tatsächlich wahr?

Ulrich Ahlert: Ja, dafür gibt es schon Anzeichen. Es mangelt an einem gemeinsamen Konzept sozialer Versorgung in der Region Stuttgart. Die Stadt ist räumlich relativ klein geschnitten, geht fließend über in die Nachbarkommunen und in die Landkreise. Überall wird eine andere Politik gemacht, was nicht nur zum Vorteil der Menschen ist, sondern vielfach nur orientiert ist an den eigenen Interessen.
Das haben wir immer kritisiert, da haben die Diakonie und die Caritas versucht mit der Region Stuttgart einen Akzent zu setzen. Letztlich ist das aber am Kreis-und Zuständigkeitsdenken denken gescheitert.

Gibt es neben den Dauerbrenner Wohnraumversorgung Themen, die sich aus Ihrer Sicht durch diese fünfzehn Jahre ziehen, die vielleicht gut gelöst sind, die an manchen Stellen vielleicht weniger gut gelöst sind?

Ulrich Ahlert: Ein Thema das sich durchgezogen hat ist die Gewinnung guter Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Am schärfsten bildet sich das ja in der Pflege ab. Es mangelt dabei an einem guten Monitoring, auch daran, die Ausbildungskapazitäten und die Ausbildungsdifferenzierung an den zukünftig zu erwartenden Personalbedarf anzupassen. Wir brauchen nicht nur gute Einrichtungen, sondern müssen die Einrichtungen auch mit guten Leuten betreiben. Bedingt durch die demographische Entwicklung ist die Zahl der jungen Nachwuchskräfte kontinuierlich zu gering und die nächsten Jahre wird sich die Situation weiter verschärfen.

Kommen wir noch einmal auf die Zusammenarbeit Freie Träger – Stadtpolitik – Stadtverwaltung zurück. Gibt es Beispiele der Zusammenarbeit, die Sie für besonders gelungen ansehen?

Ulrich Ahlert: Dazu kann man das Themenfeld der Kinderbetreuung rechnen, wo ein großer trägerübergreifender Konsens besteht, der den Ausbau der Kinderbetreuung in Stuttgart mit vereinten Kräften und natürlich auch mit entsprechend umfangreich bereitgestellten Investitions- und Ausbaumitteln vorangetrieben hat.
Es gibt Aktionen, die zwischen der Sozialverwaltung und den Trägern zu guten Entwicklungen geführt haben. Dazu gehört die Auseinandersetzung mit Kinderarmut, der Ausbau der Schulsozialarbeit oder auch der Ganztagsbetreuung.
Bei den sozialpsychiatrischen Diensten hat man begonnen, eine regionale Versorgungsstruktur aufzubauen. Das hat man auch in der Wohnungsnotfallhilfe gemacht und im Prinzip ist auch die Altenhilfeplanung und die Jugendhilfe so angelegt. Damit wurde frühzeitig begonnen, den Grundstein zu legen für einen sukzessiven immer stärke sozialraumbezogene Weiterentwicklung der Dienste.

Nun gibt es ja aktuell ein Beispiel wo Stadtpolitik und Verwaltung aus meiner Perspektive noch ein bisschen in der Reserve bleiben: Die Arbeitsförderung und die Versorgung Langzeitarbeitsloser. Trauen Sie dem System an dieser Stelle zu, dass es wie in den vergangenen Jahren nach einer guten Diskussion zu Lösungen kommt? Die aktuelle Situation ist eher ernüchternd.

Ulrich Ahlert: Ja, das ist sie. Vor dem Hintergrund der bundespolitischen Entscheidungen sind die Einschnitte massiv. Über mehrere Jahre ist der Abbau mit großen Schritten vorangetrieben worden. Die Rückführung des gesamten Hilfesystems für die Langzeitarbeitslosen ist in einem Maße beschnitten worden, wie es das bisher nicht gab.
Wie hoch das Verantwortungsbewusstsein dafür ist, dass eine Hilfestruktur einbricht, kann ich nicht einschätzen. Fraglich ist, ob es gelingen wird, in den nächsten Haushaltsplanberatungen tragfähige politische Mehrheiten hinzubekommen,um zu verhindern, dass das Hilfesystem so erodiert und noch sehr viel weniger leistungsfähig wird.

Das Hilfesystem für Langzeitarbeitslose ist in einem hohen Maße beschnitten worden.

Zu Beginn, als die Stadt Stuttgart Optionsgemeinde wurde, war aber die Hoffnung relativ groß, dass dadurch die Versorgung und auch die Zusammenarbeit mit den Träger der Leistungen gut sein wird, das hat sich aber nicht wirklich erfüllt.

Ulrich Ahlert: Man hatte große Hoffnungen, dass dadurch die Qualität und die bisherige Ausrichtung quasi automatisch gewährleistet werden, aber das ist nicht passiert. Wo der Gemeinderat in Zukunft die Akzente setzen wird, das zeichnet sich noch nicht ab. Wenn kein ausreichendes Budget dafür bereitgestellt wird, wird das auf der einen Seite wichtige Leistungsstrukturen zerstören und es wird dazu führen, dass ein großer Teil dieser Menschen abgehängt wird. Damit entstehen dann zusätzliche Aufgaben und Problemlagen in der sozialen Grundsicherung in Stuttgart.

Der Caritasverband formuliert in seinem Leitbild „Zukunft gestalten und sozialen Ausgleich schaffen“. Welche Grundüberzeugung steht für Sie hinter dieser Vision?

Ulrich Ahlert: Dahinter steht die Grundüberzeugung, dass wir zu allererst den Auftrag haben, auf den Menschen zu schauen. Als Christen ihm zu helfen, ihm Zuwendung zukommen zu lassen und ihn in seinen Fähigkeiten, seiner Entwicklung mit seinen Begrenzungen zu fördern und zu unterstützen. Unser wichtigster Auftrag ist es, denen Hilfestellung zu leisten, die besonders benachteiligt sind. Immer mit dem Ziel, ein möglichst hohes Maß an gutem Miteinander in der Stadtgesellschaft sicherzustellen. Mit einer sensiblen Wahrnehmung und Sicherung von Teilhabe bekommen wir eine soziale Stadt und das ist eine Stadt, die glaube ich, eine gute Zukunft hat.
Dass es sich wirklich lohnt, zeigt sich bei der Integration von Menschen, die zugewandert sind. Dass es kaum ausländerfeindliche Aktionen in Stuttgart gab, ist doch kein Zufall. Das ist gefördert und unterstützt durch eine Stadtgesellschaft, die sich bemüht, in der beschriebenen Weise mit allen Menschen umzugehen und darin sehe ich eigentlich unseren wichtigsten Auftrag. Ich sehe das auch verwirklicht, weil wir Mitarbeitende haben, die das für sich verinnerlicht haben. Ganz individuell an ihrem Arbeitsplatz. Das strahlen wir aus, diese Haltung wird wahrgenommen. Natürlich können wir nicht die ganze Welt verändern.

Dass es kaum ausländerfeindliche Aktionen in Stuttgart gab, ist doch kein Zufall.

Die große Zahl der Ehrenamtlichen, die sich im Caritasverband engagieren, sind ja ein Zeichen dafür, dass es nicht nur unser Bedürfnis ist, den sozialen Ausgleich zu schaffen.

Ulrich Ahlert: Unser Tun soll ja letztlich auch Vorbild sein, soll Menschen animieren, im Gemeinwesen, in der Nachbarschaft von Einrichtungen und z.B. in Kirchengemeinden, sich anstecken zu lassen. Veränderung beginnt ja bereits damit, dass man Dinge bewusst wahrnimmt. Es geht darum, Menschen zu unterstützen und deren gesellschaftliche Teilhabe zu sichern. Und es geht auch um die Haltung, mit denen das Miteinander und die Frage: „Wie haben wir gemeinsam eine gute Zukunft?“ angepackt werden.

Diese Grundhaltung ist eine ganz stark christlich geprägte Haltung. In der Stadtpolitik nehmen aber laizistische Tendenzen und Haltungen zu. Wird das in Zukunft ein Thema sein mit dem wir als katholischer Wohlfahrtsverband immer wieder stark konfrontiert sein werden?

Ulrich Ahlert: Ja, weil man sich natürlich an den Kirchen und auch an ihrer Bereitschaft, sich den Fragestellungen in der Welt zu stellen, reibt. Dass damit aber gleichzeitig die Werteorientierung insgesamt abgelehnt wird, das halte ich für fatal. Ich halte es für außerordentlich wichtig, dass sich Menschen an Werten orientieren, dass es in einer Stadtgesellschaft unterschiedliche Werte gibt und dass es natürlich auch ein Ringen darum gibt, wo die Stadtgesellschaft, als Wertegemeinschaft, Gemeinsamkeiten hat und wo sie sich unterscheidet und in bereichernder Vielfalt zusammenlebt.

Wie wollen wir denn die wesentlichen Fragen, das betrifft ja den naturwissenschaftlichen Bereich genauso wie die gesellschaftspolitischen Fragen, zum Beispiel die Fragen der räumlichen und baulichen Ausgestaltung einer Stadt entscheiden, wenn nicht mit der Hilfe von Werteorientierungen? Nur dadurch bekommt eine Stadt ein Gesicht, einen Charakter und auch eine lebenswerte Stadtkultur, in der man sich entweder wohl und dazugehörig fühlt oder eben auch nicht.

Wie wollen wir denn die wesentlichen Fragen entscheiden, wenn nicht mit der Hilfe von Werteorientierungen?

Deswegen ist der Laizismus aus meiner Sicht ein falscher Weg. Mit unserer christlichen Werteorientierung binden wir Menschen, die sich für unseren Auftrag engagieren wollen und wir bringen dies in die Stadtgesellschaft ein. Gleichzeitig haben wir eine interkulturell offene Haltung zu allen Menschen. Wir haben keinerlei religiöse Begrenzungen im Zugang zu unseren Diensten. Dass man bei uns auch Mängel oder klärungswürdige Punkte identifizieren kann, ist selbstverständlich, da sind wir immer gesprächsbereit.

Selbst wenn man sich auf ein humanistisches Menschenbild zurückziehen würde, ist das ja grundsätzlich auch geprägt von christlichen Wertvorstellungen.

Ulrich Ahlert: Da gibt es Überschneidungen. Ich meine: Lasst uns doch den Dialog in der Stadtgesellschaft fördern.Die Zeit einer homogenen Bürgergesellschaft ist vorbei. Aber ich glaube, dass die Haltung, Religion und Werte seien Privatsache nicht zukunftstauglich ist. Damit werden wir die Herausforderungen der Zukunft nicht bewältigen.

Ein letztes Thema: Caritas und Kirche –Spannungsfeld oder aktives Miteinander?

Ulrich Ahlert: Beides. In Stuttgart hat während meiner Zeit ein aktives Miteinander, ein vertrauensvolles Zusammenwirken zwischen den Verantwortlichen aber auch den Mitgliedern der Stadtkirche und dem Caritasverband stattgefunden. Es gibt ein sehr hohes Vertrauen, es gibt auch gute Kommunikations- und Arbeitsstrukturen.

Das Spannungsfeld sehe ich eher darin, dass sich im Caritasverband Mitarbeitende bei einem christlichen Wohlfahrtsverband engagieren, die zu einem Teil durchaus eine persönliche Distanz zur Kirche und den Kirchengemeinden haben. Sie engagieren sich im Caritasverband als Christen und sagen, das ist der richtige Platz für mein Christsein. Das ist aber kein Stuttgarter Phänomen.

Aus meiner Kenntnis kann man das über den gesamten Verband in der Bundesrepublik mehr oder weniger feststellen. Doch für die Jahre meiner Vorstandsarbeit kann ich sagen, dass wir immer die Rückendeckung und Unterstützung der Diözesanleitung und des Ordinariates hatten. Ich glaube, dass dieses Vertrauen dazu beiträgt, sich nicht mit sich selber und mit Randbedingungen zu beschäftigen, sondern dass wir unserem Auftrag gut nachkommen. Dass man auch sein Potenzial, seine Fähigkeiten entfalten kann als Organisation, das gilt aber auch für die einzelnen Mitarbeitenden. Das kommt der Ausstrahlung, der Wirkung und Glaubwürdigkeit des Verbandes in der Stadt und der Region sehr zugute.

Sie engagieren sich im Caritasverband als Christen und sagen, das ist der richtige Platz für mein Christsein.

Am Ende meiner Vorstandstätigkeit nehme ich in besonderer Weise wahr, dass die Unternehmenskultur, die der Caritasverband in den letzten Jahren entwickelt hat, ein ganz entscheidender Faktor ist. Eine Unternehmenskultur, die von hohem Vertrauen geprägt ist, von einer sehr breiten differenzierten Beteiligung, von einem guten Miteinander innerhalb der Organisation. Dadurch hat sich unser spezifisches Profil herausgebildet. In allen Diensten, Einrichtungen und Geschäftsbereichen kann man das erleben. Immer mit unterschiedlichen Akzenten – die Jugendhilfe ist nicht wie die Altenhilfe – aber bei allen ist der Caritasverband spürbar. Das ist außerordentlich wertvoll für die Bindung unserer Mitarbeiter und auch für die Gewinnung neuer Mitarbeitender. Das ist ein guter Boden für die vielen Menschen, die zu uns als Auszubildende, Praktikanten, BA-Studenten, Praxissemester-Studenten kommen. Wenn die Menschen, die Mitarbeitenden, davon etwas mitkriegen, davon vielleicht ein Stück infiziert werden ist das noch wertvoller, als nur super Konzepte zu haben.

Dass wir gute Arbeit machen, ist eigentlich selbstverständlich, dafür bekommen wir unser Geld. Dass wir die richtigen Leute haben, die mit einem gemeinsamen Geist diese Arbeit machen, das ist dann das Plus. Etwas, was man nicht an Flyern oder an Konzepten festmachen kann, das spürt man.

Das heißt, diese Vision wirkt tatsächlich in beide Richtungen, sie wirkt nicht nur nach außen, sondern sie wirkt auch ganz stark nach innen?

Ulrich Ahlert: Bei Mitarbeiterbefragungen und auch in Einzelgesprächen stelle ich fest, dass Mitarbeiter gerne beim Caritasverband sind und auch bleiben wollen. Sie schätzen, dass man Freiräume hat, sich persönlich einzubringen und dass dies auch erwünscht ist. Wir haben vor ca. 10 Jahren einen Zukunftsworkshop gemacht und der hat gezeigt: Professionalität und Qualität müssen wir bieten. Aber die Mitarbeitenden im Caritasverband müssen auch in der Lage sein, etwas auszustrahlen. Sie müssen persönlich einen Zugang haben zu den existenziellen Fragen des Lebens, eine Bereitschaft, Dinge wahrzunehmen und auch zu thematisieren. Ich denke, dass das im Caritasverband Stuttgart gelingt und wir diesen Akzent auch im Alltag leben und in die Stadt einbringen.

Sie müssen persönlich einen Zugang haben zu den existenziellen Fragen des Lebens, eine Bereitschaft, Dinge wahrzunehmen und auch zu thematisieren.

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