Herausforderungen für die Soziale Arbeit

Soziale Arbeit in einer Großstadt und die Arbeit der Wohlfahrtsverbände mit den randständigen gesellschaftlichen Schichten spätkapitalistischer, postmoderner gesellschaftlicher Verhältnisse wurde ab den 70er Jahren ausgebaut. Sie wurde intensiviert und hat sich zu einem hochkomplexen Hilfenetz ausdifferenziert.

Obert

Dr. Klaus Obert

Erstmals ungekürzt erschienen im Jahresbericht 2014/15, Seite 26-29. von Dr. Klaus Obert, Bereichsleitung unserer Sucht- und Sozialpsychiatrischen Hilfen

Gesellschaftliche Verhältnisse, und damit die bestimmenden Rahmenbedingungen des Sozial- und Gesundheitsbereiches, befinden sich in kontinuierlicher Veränderung. Auf die zunehmenden Pathologien, welche diese hervorruft, sucht und findet Soziale Arbeit Antworten. Gleichzeitig nimmt sie aber auch im Sinne der offensiven Einmischung Einfluss. Immer wieder geht es um die Frage, wie es gelingen kann, kritisch auf die Verhältnisse Einfluss zu nehmen mit dem Ziel, im konkreten Einzelfall zu mehr Teilhabe, Gerechtigkeit, Lebensqualität und Demokratie beizutragen.

Beobachtungen und Gedankensplitter zur aktuellen gesellschaftlichen Entwicklung

Bei den folgenden Ausführungen handelt es sich nicht um eine gesellschaftliche Analyse. Vielmehr sind es bruchstückhafte Splitter, die auf Erfahrungen und Beobachtungen beruhen, die durch eine langjährige Praxis bestimmt und durch eine auffallende Ambivalenz gekennzeichnet sind:

• Auf der einen Seite der großflächige Ausbau sozialer Netze und der professionellen Unterstützung, auf der anderen Seite deren Infragestellung durch verschiedene, neoliberal geprägte Sparmaßnahmen.

• Die vielfältigen Forderungen nach Teilhabe für alle auf der einen Seite, auf der anderen Seite die sukzessive, aber kontinuierliche Verarmung und Abkoppelung vieler Menschen vom gesellschaftlichen Leben.

Der gesellschaftliche Wandel der letzten 20 bis 25 Jahre wurde vielfach beschrieben, erörtert und diskutiert (Habermas 2013 und 2014, Sennett 2005, Beck 2007, Mau/ Schöneck 2015, Keupp 2013):

Übereinstimmend wird von der Globalisierung und Durchsetzung einer fast schon weltweit wahrzunehmenden Vorherrschaft eines geradezu entfesselten Kapitalismus gesprochen, in dem die Gesetze der Ökonomie und des freien Marktes die Politik schwächt und letztlich diese bestimmen und nicht umgekehrt (Habermas 2014).

SSH S_26-29MedMobil3Die Liberalisierung des Marktes, die Privatisierung staatlicher Aufgaben, die Perforierung und damit Schwächung des Sozialstaates, die Vereinzelung der Menschen, das Zusammenbrechen von Solidaritäten zwischen Menschen und gesellschaftlichen Schichten und vor allem die durch das Finanzkapital selbst zu verantwortende Finanzkrise in den letzten Jahren führen zur kontinuierlichen Verarmung, Verschuldung und Abkoppelung weiterer Personenkreise auch in den fortgeschrittensten und reichsten Gesellschaften. Diese Entwicklung ist in der Bundesrepublik gekennzeichnet durch das immer weitere Auseinanderdriften von Reichtum und Armut. Dabei belegen Studien, dass Haltungen, die Fragen und Themen von Gerechtigkeit, Solidarität, Demokratie und Teilhabe berühren, geringer ausgeprägt sind in Gesellschaften, in denen die Differenz zwischen arm und reich größer ist als in Gesellschaften, in denen die Unterschiede geringer sind (Rosa 2015, Piketty 2014, Mau/Schöneck 2015).

Die Marktlogik und der damit einhergehende Zwang zum Konsum gehen wiederum einher mit der Vortäuschung einer vermeintlichen Individualität, gefördert durch Medien und Werbung. Dies bedeutet, dass die Imperative des Systems in alle Fasern der Lebenswelt ein- und diese durchdringen, was wiederum soziale und individuelle Pathologien und Störungen hervorruft oder zumindest dazu beiträgt. (Habermas, 1981)

Dieser Prozess ist verbunden mit der Verschärfung der Konkurrenz zwischen den Individuen unter gleichzeitiger Zumutung von Autonomie und Selbstverantwortung. So wesentlich und von großer Bedeutung Selbstbestimmung, Selbstverwirklichung, Selbstwirksamkeit grundsätzlich als normative wie praktische Richtschnur auch sind, können sie den Einzelnen jedoch überfordern, seine Fähigkeiten überschreiten und am Ende das Individuum an den gesellschaftlichen Vorgaben aus unterschiedlichen Gründen
(körperliche, geistige, psychische oder soziale) scheitern lassen.

[…]


Literatur

Beck, Ulrich: Weltrisikogesellschaft. Auf der Suche nach der verlorenen Sicherheit. Frankfurt 2007

Grunwald, Klaus/Thiersch, Hans: Lebensweltorientierung. In: Schroer, Wolfgang/ Schweppe, Cornelia): Enzyklopädie der Erziehungswissenschaft. Weinheim und Basel 2014

Habermas, Jürgen: Theorie des kommunikativen Handelns. Band 2. Frankfurt/Main 1981

Habermas, Jürgen: Im Sog der Technokratie. Kleine politische Schriften XII. Berlin 2013

Habermas, Jürgen: Die Zähmung des Kapitalismus und die Demokratisierung Europas. In: Müller-Dohm, Stefan: Eine Biografie. (S. 460 ff). Berlin 2014

Heitmeyer, Wilhelm (Hrsg.): Deutsche Zustände (Folge 1 – 10), Frankfurt 2002 – 2011

Keupp, Heiner: Heraus aus der Ohnmachtsfalle. Psychologische Einmischungen. Tübingen 2013

Mau, Steffen/Schöneck, Nadine: (Un-)Gerechte (Un-)Gleichheiten. Einleitung (S. 9 ff). Frankfurt/Main 2015

Piketty, Thomas: Das Kapital im 21. Jahrhundert. München 2014

Rosa, Hartmut: Verstrickt im Steigerungsspiel: Wie der Kampf gegen Ungleichheit diese reproduziert (S. 27 ff). In: Mau, Steffen/ Schöneck, Nadine: (Un-)Gerechte (Un-)Gleichheiten. Frankfurt/Main 2015

Sennett, Richard: Die Kultur des neuen Kapitalismus. Berlin 2005

Thiersch, Hans: Berliner Rede. Kundgebung zum Internationalen Tag der Sozialen Arbeit am 19.03.2013 in Berlin


Lesen Sie mehr u.a. über die verschärfte Lebenslage sogenannter Randgruppen und ein Fazit in unserem Jahresbericht 2014/15.

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