„Dinge, die man sonst nur über die Medien mitbekommt, haben wir selbst erlebt…“

Flüchtlingshilfe Wilhelma

Besuch der “Wilhelma” mit Flüchtlingskindern

Tabea Klein und Catherine Stöckle, Projektpraktikantinnen unseres Bereiches Migration und Integration, studieren an der EH Ludwigsburg Internationale Soziale Arbeit. Beide haben für ein Semester eine Mädchengruppe im Alter von 10 bis 15 Jahre in der Flüchtlingsunterkunft Tunzhoferstraße geleitet. In einem mit Thomas Lamparter geführten Interview berichten sie von ihren Erfahrungen.

Euer Projektstudium neigt sich nun dem Ende entgegen. Warum habt ihr euch damals entschieden, in einem Flüchtlingswohnheim das Projektstudium zu absolvieren?

Tabea Klein (TK) und Catherine Stöckle (CS): Durch die Aktualität dieser Thematik, den theoretischen Grundlagen im Studium und dem erhöhten Bedarf in diesem Bereich (auf Grund der stetig steigenden
Flüchtlingszahlen) wollten wir selbst Hand anlegen und selbst erfahren, wie man
sich in diesem Bereich einbringen kann.“

CS: Nach meinem einjährigen Freiwilligendienst in einem Flüchtlingshaus für Frauen und Kinder in Südafrika, wollte ich außerdem weitere Erfahrungen in diesem
Bereich sammeln und erfahren, wie mit dieser sensiblen Thematik in Deutschland
umgegangen wird.

Flüchtlingshilfe Weltkarte

Gemeinsame Erkundung einer Weltkarte

Könnt ihr euch rückblickend noch daran erinnern, mit welchen Motiven und Vorstellungen Ihr das Projekt begonnen habt?

TK & CS: Wir wollten den Mädchen eine Abwechslung in ihren Alltag durch verschiedene Aktivitäten/ Angebote bieten. Außerdem war unser Ziel, eine Integration in die deutsche Gesellschaft bzw. nach Deutschland selbst zu schaffen und die Gemeinschaft unter den Mädchen zu fördern. Ein weiteres Motiv von uns war, das Wiederherstellen von Vertrauen in andere Personen und in sich selbst. Denn dieses Vertrauen kann durch die Flucht und die gemachten Erfahrungen oft verloren gehen.

In dem großen Flüchtlingswohnheim wart Ihr bis dahin den Flüchtlingen noch unbekannt. Wie gelang es euch, die Mädchen zur Teilnahme an der Gruppe zu gewinnen?

TK & CS: Thomas ist vor unserem ersten Treffen mit uns von Raum zu Raum gegangen und hat uns bei den Mädels vorgestellt. Dies war sehr wichtig, da sie ihn als Bezugsperson kannten und somit vertrauen in ihn hatten. Wir stellten uns und unser Projekt an den einzelnen Türen vor und machten anschließend einen Flyer, den wir in der Unterkunft sowie den Postfächern der Bewohner verteilten. Nach unserem ersten Treffen, bei dem wir uns alle kennengelernt haben und unsere Pläne/ Aktivitäten vorgestellt haben, kamen im Laufe der Zeit im Schnitt acht Kinder pro Treffen. Wir versuchten Aktivitäten zu finden, die den Interessen der Mädels entsprechen und außerdem auf deren Altersspanne abgestimmt waren. Außerdem behielten wir den Flyer von Treffen zu Treffen bei, um einerseits die Mädels zu informieren, was in der kommenden Woche anstehen wird, und sie ebenfalls daran zu erinnern.

Flüchtlingshilfe Karte

Bastelworkshop mit Flüchtlingskindern

Mit Blick auf den Verlauf der verschiedenen Gruppenaktivitäten könnt ihr kurz darüber erzählen, wie sich der Umgang der Mädchen untereinander, auch hinsichtlich sprachlicher und kultureller Unterschiede, gestaltet hat?

TK & CS: Durch die verschiedenen Herkunftsländer gab es eine Sprachbarriere, die jedoch durch unsere Hilfe und Übersetzung überwunden werden konnte. Einige Mädchen sprachen gebrochen Deutsch, andere wiederum nur Englisch oder ihre Landessprache. Insgesamt war es jedoch kein Problem, da mit Hand und Fuß immer alles kommuniziert werden konnte. Wir versuchten die Gruppe immer durchzumischen und Grüppchenbildung zu verhindern, wobei trotzdem die Tendenz herrschte, dass die Mädchen aus gleichen Herkunftsländern mehr Zeit miteinander verbrachte, was auf den kulturellen Hintergrund und die Sprache zurückzuführen ist. Auch die Mädchen mit gleichem religiösem Hintergrund fühlten sich, von außen betrachtet, näher.

Konntet ihr im Rahmen eurer Arbeit alles wie geplant umsetzen? Oder seid Ihr auf Hindernisse gestoßen, die euch erst im Verlauf eurer Tätigkeit in den Blick gekommen sind?

Flüchtlingshilfe Karten

Im Bastelworkshop entstandene Karte

TK & CS: Grob gesagt konnten wir alle geplanten Aktivitäten umsetzen, und die Antworten auf die Angebote waren sehr positiv. Was wir in der Planung nicht bedacht hatten, waren die unterschiedlichen religiösen Hintergründe und das beispielsweise der Ramadan in der Zeit sein würde. Dadurch waren wir etwas eingeschränkt in den Aktivitäten, was wir zu Beginn nicht bedacht hatten.

Wenn ihr auf eure Arbeit zurück blickt, gibt es ein eindrucksvolles Erlebnis, das ihr mitteilen möchtet?

TK: Beim ersten Treffen wurde Catherine von einem 15jährigen Mädchen gefragt, ob sie Rassistin wäre und ob wir zu unserem Projekt gezwungen würden beziehungsweise ob wir es freiwillig machen. Völlig überfördert fragte sie sie, wie sie das denn meint. „Naja, was wäre, wenn ich „schwarz“ und nicht „weiß“ wäre wie du?“ War dabei ihre Antwort. Diese Situation zeigte uns, wie verletzlich und misstrauisch die Mädchen sind, und mit welchem Empathievermögen beziehungsweise mit welcher Sensibilität mit ihnen gearbeitet werden muss. Außerdem wurde uns dadurch bewusst, wie wichtig es ist, Flüchtlinge in Deutschland zu integrieren und auch die Gesellschaft sensibel für diese Thematik zu machen.

Flüchtlingshilfe Karten basteln

Flüchtlingskinder präsentieren im Bastelworkshop entstandene Karten

Ihr hattet nun Einblick in die sozialarbeiterische Praxis in einem Flüchtlingswohnheim, seht ihr euch als junge Sozialarbeiterinnen in dieser beruflichen Tätigkeit?

TK & CS: Die Arbeit mit den Mädchen hat unglaublich viel Spaß gemacht und uns die Thematik viel näher gebracht. Dinge, die man sonst nur über die Medien mitbekommt, haben wir selbst erlebt und gesehen, etwa Zustände von Flüchtlingen oder auch ihre Situation in Deutschland. Das Thema Flüchtlinge ist eindeutig ein Bereich, in dem wir uns später als Sozialarbeiterinnen sehen können.

 

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