Mobile Jugendarbeit verbindet Kontinente

von Torsten Juchem, Jonas Puhm und Sarah Wimmer aus unserer Mobilen Jugendarbeit

Mobile Jugendarbeit2In Stuttgart daheim, in der Welt zuhause! Das trifft auf das Konzept der Mobilen Jugendarbeit zu, das sich in den 1960er Jahren in Stuttgart entwickelt hat und schon seit vielen Jahren über die deutschen Grenzen hinaus erfolgreich praktiziert wird. Für Jugendliche, die von Ausgrenzung bedroht oder betroffen sind und die zu anderen (hochschwelligeren) Unterstützungsangeboten keinen direkten Zugang finden.
Im ostafrikanischen Land Kenia leitet der kenianische Sozialarbeiter Davies Okombo seit Herbst 2014 das erste afrikanische Modellprojekt für Mobile Jugendarbeit. In der westkenianischen Stadt Kisumu, die mit über 300.000 Einwohnerinnen die drittgrößte Stadt des Landes ist, sind die Herausforderungen der Jugendarbeit immens.

Mit dem Konzept der Mobilen Jugendarbeit sollen jetzt bessere Zugänge vor allem zu Straßenkindern und Jugendgangs geschaffen werden. Angebote und Netzwerke zur Unterstützung sollen entstehen und die „abgeschriebenen“ Jugendlichen sollen eine Stimme erhalten. Im Sommer war Davies für zwei Monate in Stuttgart, wo er u.a. an den Mobilen Standorten Rot, Süd, Fasanenhof und Hallschlag hospitierte. Dadurch ist ein hochinteressanter Fach- und Kulturaustausch entstanden, von dem beide Seiten profitieren. Uns StuttgarterInnen beeindruckte dabei natürlich in erster Linie, welchen krassen gesellschaftlichen Herausforderungen sich die Mobile Jugendarbeit in Kenia zu stellen hat und wie komfortabel unsere Arbeitsbedingungen und Unterstützungsmöglichkeiten im Vergleich dazu sind. Während die Kolleginnen in Kenia meist auf sich alleine gestellt sind, können wir auf ein grandioses kollegiales Netzwerk von über 80 Kolleginnen in 18 Stadtteilteams in Stuttgart zurückgreifen und für unsere Jugend auf die vielen Leistungen unseres Wohlfahrtsstaates. Zwei Welten also, was die Rahmenbedingungen angeht, aber auch viele Gemeinsamkeiten, was die Arbeitsweise mit den Jugendlichen betrifft, und auch die jugendspezifischen Themen sind ähnlich. Auch in Kenia sehnen sich die Jugendlichen nach Anerkennung, nach Identität, Sicherheit und nach einer Lebensperspektive.
Von den Erfahrungen des Austausches berichten im Folgenden die Teams der Mobilen Jugendarbeit aus Rot, Süd und dem Fasanenhof.

Aus dem Süden
Mobile Jugendarbeit neuVon seinem Besuch 2012 her kannte Davies noch einige Jugendliche und es gab ein fröhliches Wiedersehen. Unser Jungs-Club hatte sich über die Jahre immer wieder mit dem Thema Kenia beschäftigt und bei Aktionen einen Teil der Einnahmen nach Kenia gespendet. So gab es viel zu erzählen und die Jungs übergaben Davies feierlich ein Banner mit der Aufschrift „Mobile Youth Work Kisumu“, das sie in einem Graffiti-Workshop im Rahmen des „Club-spezial“ Angebotes für Kenia erstellt hatten. Heute hängt es bereits im Büro der kenianischen Kolleginnen. Für die Jugendlichen war es sehr eindrücklich zu erfahren, unter welchen Bedingungen ihre Peers in Kenia leben und wie der Alltag auf der Straße aussieht. Echt krass zu sehen, dass ein Dach über dem Kopf oder sogar ein eigenes Zimmer, fließendes Wasser, Schulbildung und Schnickschnacks wie Fernseher, Playstation und Smartphone keine Selbstverständlichkeit sind. Beim gemeinsamen Grillen im Hof ging es mit den Zehntklässlern auch um berufliche Perspektiven und was sie sich vom Leben erhoffen. Ziele, wie möglichst schnell einen dicken Daimler zu fahren (weshalb auch „einfache“ handwerkliche Jobs aus Sicht der Jungs nicht zielführend sind), wurden in der Diskussion dann letztendlich auch von einigen Jungs als „überdenkenswert“ eingestuft. Ziemlich deutlich wurde im Austausch, dass es in puncto „wie zufrieden bin ich mit dem, was ich hab“ immer darauf ankommt, mit wem man sich vergleicht. Und hier hoffen wir, dass dieses Prinzip bei unserer Jugend angekommen ist und aus kenianischer Sicht hoffentlich aus materieller Sicht nicht so ernst genommen wird. Die vier Besuchstage von Davies waren für uns MitarbeiterInnen und unsere Kids eine große Bereicherung, und da wir seit Beginn des Modellprojektes im Herbst 2014 die informelle Patenschaft für die Mobile Jugendarbeit in Kisumu übernommen haben, freuen wir uns auf einen interessanten Erfahrungsaustausch auch in der Zukunft. (Autor: Jonas Puhm)

Aus Stuttgart-Rot
Mobile Jugendarbeit2Am 22. Juni hatte die Mobile Jugendarbeit in Stuttgart-Rot einen ganz besonderen Gast. Davies aus Kenia besuchte uns an diesem Tag, um sich unsere Arbeit mit den Jugendlichen anzuschauen. Dabei besuchte er zunächst das Schülercafé der Rilke-Realschule. Hier kam er mit den SchülerInnen in Kontakt, die sich sehr für ihn, seine Arbeit und das Leben in Kenia interessierten. Davies zeigte sich ihnen gegenüber sehr offen und beantwortete geduldig jede Frage. Für die SchülerInnen war dies eine Erfahrung, die sie so schnell wohl nicht vergessen werden, denn ihre Vorstellungen von einem Leben in Afrika unterscheiden sich doch etwas von der Wirklichkeit. Unter ihnen waren auch einige Mädchen, die regelmäßig einen Verkauf im Schülercafé starten. Diese erklärten Davies bei seinem Besuch, dass der Erlös des Verkaufs seinem Projekt zugute kommen wird. Die Freude auf beiden Seiten war groß.
Am Nachmittag bekam Davies eine Führung durch den Stadtteil, wobei er die Orte, an denen sich die Jugendlichen in ihrer Freizeit aufhalten, sah. Die Führung endete an unserem Holzhaus, wo es auch gleich zum nächsten Programmpunkt überging. Von 16 bis 19 Uhr findet montags ein offene Angebot statt. Hierfür bereitete Davies eine Kleinigkeit vor. Er brachte Unterrichtsmaterial und Kinderspielzeug aus seiner Heimat mit, welche die Jugendlichen anfassen und ausprobieren durften. Am Anfang stand eine kleine Präsentation auf dem Programm, bei der Davies Bilder zeigte, somit konnten die Jugendlichen auch einen bildhaften Eindruck von einem Leben in Kenia erlangen.
Nach einem Tag voller Eindrücke verabschiedeten wir uns von Davies. Am Ende konnten wir sagen, dass wir alle voneinander gelernt haben und so neue Erfahrungen mitnehmen. Wir bedanken uns noch einmal herzlich für den Besuch von Davies und wünschen ihm viel Erfolg für sein Projekt in Kenia. (Autorin: Sarah Wimmer)

Aus dem Fasanenhof
Mobile Jugendarbeit3Durch den Besuch von Davies rückten Kenia, das Land, die Menschen und die Kultur ein wenig greifbarer in den urban geprägten Stadtrand von Stuttgart. Mit der historischen Entwicklungsgeschichte der „Mobilen Jugendarbeit“ auf dem Fasanenhof gelang den MitarbeiterInnen des Stadtteilteams gemeinsam mit Davies ein reger Austausch der Erfahrungen. Vor allem brachten die Erzählungen über die Situation der Menschen in Kenia alle Beteiligten zum Staunen und zum Nachdenken. So große Unterschiede in den Bedingungen und doch hat Davies niemals seinen Traum aufgegeben. Den Traum einer Gesellschaft, in der Jugendliche ihr Recht auf Leben, Entwicklung und Zukunft in Freiheit und Würde genießen können. Diesen Traum verfolgt er mit einem kenianischen Rezept „unserer Stuttgarter Mobilen Jugendarbeit“, der „Mobile Youth Work Kisumu“.

Beim Rundgang durch den Stadtteil tauschten wir uns über die jeweiligen Herausforderungen und Freuden im Arbeitsalltag aus. Bereits hier war erkennbar, dass sehr große und zum Teil erschütternde Unterschiede die Arbeit beeinflussen. Davies lernte Kinder aus dem Projekt der Mobilen Kinder Sozialarbeit kennen. Er wurde eingeladen, einen gemeinsamen Clubnachmittag mit ihnen zu verbringen. Es wurde gekocht, gespielt und viel gelacht. Zudem kristallisierte sich heraus dass die Kinder gemeinsame Wünsche teilen, obwohl wir auf verschiedenen Kontinenten leben und die Bedingungen nicht unterschiedlicher sein könnten. Wir wollen einfach nur für sie da sein, um die Lebensbedingungen für sie zu verbessern.

Insgesamt war der Besuch von Davies aus Kenia für die Kinder und die MitarbeiterInnen der Mobilen Jugendarbeit eine willkommene Abwechslung und große Bereicherung für alle Beteiligten. Wir wünschen Davies viel Erfolg beim Gelingen seines Projektes „Mobile Youth Work Kisumu“. (Autor: Torsten Juchem)

Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out / Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out / Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out / Change )

Google+ photo

You are commenting using your Google+ account. Log Out / Change )

Connecting to %s